Samstag, 1. September 2018

Riegelverkostung - Ragusa Classique

Die im folgenden getestete Riegelware wurde gesponsort von den Mädels der Zürcher-ForGe. Dafür Dank ;)

Was steht drauf: Schokolade-Riegel mit Praliné-Füllung und ganzen Haselnüssen

Hüftgoldfaktor: 288 Kalorien dat Stück

Erster Eindruck: Hier habe ich etwas geheimes, verborgenes. "Ragusa" klingt wie der Name einer vergessenen Inkagötzin zweifelhaften Charakters, deren düsteren, verfallenen, moosbedeckten Tempel, halb in einem See versunken, man finden könnte, nachdem man sich wochenlang macheteschwingend durch unerkundete Urwälder im Osten Perus würde gekämpft haben. Und um für einen solchen Marsch, dem geflüsterten Namen der Göttin, den man monatelang in fiebrigen Träumen gehört, folgend, gerüstet und genährt zu sein, braucht man diesen Riegel. Unter seinem schräg aufsteigend  weiß auf tiefem Braun gedruckten, goldumrandeten Namen, der Anstiege über schneebedeckte, sonnenüberflutete Gipfel, die sich über tückischen Mooren erheben, andeutet, steht treu und verläßlich nur das Schweizer Wimpelchen, das einem noch Halt gibt. Und auch das getreue und sich zur Rechten der Verpackung hin wie ein Sonnenaufgang aufhellende Orange, in dem ein ziseliert-französisiertes "Classique" schwebt, gibt wie ein erschöpfter Blick gen Himmel Hoffnung und Heimat, im Geist erklingt "Komm, süßer Tod", gespielt auf der Wanamaker-Orgel.

Ragusa verbrigt sein Geheimnis denn auch im Tempelpendant einer edlen Faltschachtel aus hochwertig bedruckter Pappe. Darin ruht ausgestreckt, wie in einem Mausoleum, statt in silberbesticktes Brokat in ein eng an den schlanken Quaderlaib angeschmiegtes Kleid von Aluminium, des Riegels Korpus, der, davon befreit, sogleich den schweren, weichen, dunklen Geruch feisten, schokoladengefaßten Nougats freisetzt, denn der Riegel ist nur halbbedeckt oder seitlich schon eröffnet, längs zerteilet wie von scharfen Lanzen, wird dieser Leib gezeigt wie in Monstranzen, vor dem man einstens tief ins Knieen glitt: wer ihn nur sieht der sättigt sich damit. 

Mundhaptik:  Ragusa greift mir in den Mund und füllt ihn an mit sich; weich und lockend, mächtig aber auch und schwer, zergeht, verdrängt, schmiegt sie sich ein und verlangsamt alles, indem sie sogleich zerschmilzt. So aufwendig bei gleichzeitiger Minderkomplexität ist diese Haptik, daß mich das Prozessieren derselben so in Beschlag nimmt, daß ich nicht einmal sicher bin, ob ich diese Vereinnahmung transzendierend oder aufdringlich finde. Nur gleichgültig, soviel weiß ich, ist sie nicht.

Geschmack: Wie in den Nächten schwere Erde aus allen Sternen in die Einsamkeit, fällt man in diesen Geschmack. Wir alle fallen ja, nur nicht Ragusa, welche dieses Fallen unendlich satt in ihren Händen hält. Man schwebt hier orientierungslos in einer großsüßen Geschmakssingularität, in einer Mächtigkeit, einer hermetischen Eindeutigkeit aus Schokonougat, über deren supernovalen Ereignishorizont die schweifhaften Anschmecksel der vereinzelten Haselnusskometen, die in die dunkle Unergründlichkeit dieser übersättigten Verdichtung geworfen sind, nicht hinauszuwirken vermögen.

Fazit: Ein Riegel, wie eine Immersion im dunkelsten und geheimsten Ritual eines unaussprechlichen Kults zum Höllensturz des Hungers, wonach man, je nach Neigung, einen Exorzismus oder einen Kelch voll Opferblut benötigt.






Freitag, 22. Juni 2018

Riegelverkostung - Payday

Diese Riegelware wurde mir von der werten Tovaritsch Galinskarovskajowitsch zur Verkostung zur Verfügung gestellt. Dafür Dank. Auch wird zu prüfen sein, ob und was mir dazu - nach 5 Jahren - Neues einfällt

Was steht drauf: Peanut Caramel Bar

Hüftgoldfaktor: 240 Kalorien dat Stück

Erster Eindruck: Naja, einen ersten Eindruck hatte ich ja schon, doch heute trotze ich mir etwas mehr als die damaligen mageren Worte ab. Denn wenn man Payday, und dann auch noch an einem Friday wie heute, wann man nicht nur bester Laune sondern bekanntlich auch wieder Payday ist, da so liegen sieht, erschließt sich einem sofort, worum es hier geht: es gibt keine Schokolade (ob man nun Arme hat oder nicht), sondern eine Abrechnung! Payday, payback einerlei, die dicken rotorangenen Lettern auf weißem Grund kündigen blutige, entschlossene und endgültige Vergeltung an. Und die finale Verfolgungsjagd dessen, an dem der Protagonist, der sich mit Payday dafür zu stärken hat, Rache nehmen muß, findet auf Skiern statt, durch den Schnee, der so weiß ist, wie Paydays Hülle: der Mann in Rot floh durch den Schnee und der Payday-Rächer folgte ihm. So oder so ähnlich könnte ein Roman beginnen ;)
Aus seiner Tunika geschlagen offenbart sich ein beiger Barren, der wie erstarrtes Toffee oder Karamell imponiert, das in einem Bad aus halben Erdnüssen zu Ruhe und endgültiger Form kam. Ohne eine gewohnte Schokoladenhüllschicht wirkt er nackt, unwirklich, bloßgestellt, wie gehäutet. Er sieht aus wie eine naschwerkgewordene Allegorie auf den Weg der Rache: lang und holprig, voller Unwegsamkeiten und Enstellungen und mit abruptem Ende.

Mundhaptik: Mein damaliges Erlebnis wiederholt sich: es quietscht tatsächlich an den Zähnen beim Abbeißen. Dieses Geräusch, gepaart mit der Zähheit der sich bei Abbiß darstellenden alttoffeebedingt ledrigen Kaumasse macht deutlich, daß der Rächer vor nichts haltmacht, daß er sich mit Zähnen und Klauen durch alle Widerstände und Hindernisse, die zwischen ihm und seinem Ziel stehen, kämpfen wird. Trocken und widerspenstig kaut sich das hier, eine unfrohe aber verbissene Entschlossenheit, die Sache zu Ende zu bringen, stellt sich ein. Staubiges, dröges Toffee wird zerquetscht, Nüsse werden zermalmt… durchhalten, irgendwann wird es doch nach irgendwas schmecken…

Geschmack: Rache sei süß, so sagt der Herr V. Olksmund, Payday ist es nur bedingt und vor allem am Anfang nicht. Zunächst ist da gar nichts, schmeckt man nur das Äquivalent eines Testbilds. Dann zieht langsam und zunächst nur eine Salzigkeit der Nüsse auf, die im Mund bitzelt wie Schweiß in Augen und Wunden. Und erst wenn man sich durchgebissen, durchgehalten, beharrt hat, gibt das wie in einer Dauerform in sich eingeschlossene Toffee, nachdem der an es anbrandende Speichel ihm ausreichend zugesetzt hat, widerwillig und zögerlich eine kleine, zurückhaltende, reduzierte Süße frei, die arm ist wie eine Enttäuschung.

Fazit: Ein Riegel als Lehrstück, als Parabel auf die Untugend der Rache und eine Warnung davor, sein Leben der Suche nach Vergeltung zu verschreiben, da man nach vollbrachter Tat feststellen wird, daß salzige, schale Leere,  alles ist, was bleibt. Das und Erdnüsse.







Samstag, 9. Juni 2018

Riegelverkostung - La Branche Originale

Die im folgenden getestete Riegelware wurde gesponsort von den Mädels der Zürcher-ForGe. Dafür Dank ;)

Was steht drauf: Praliné überzogen mit Milchschokolade und Haselnüssen - Cailler of Switzerland

Hüftgoldfaktor: 251 Kalorien dat Stück

Erster Eindruck: Entschuldigung, aber ich kann nicht anders, denn mein Französisch reicht aus, um den Hinweis zu verstehen: der Schriftzug mit dem Riegelnamen "branche originale" bedeutet: "Original-Arm", geschrieben in einer ungelenk wirkenden, klecksigen Schrift, wie sie mit vom Tode seines, des Armes, einstmaligen Besitzers noch klammen, steifen Fingern Frankensteins Geschöpf, für dessen Vollendung er diesen Original-Arm brauchte, schreiben würde. Dazu die metallisch-elektrisch blaue Hülle mit den beiden blitzsilbrigen Enden, die sofort an jenen (un)lebenspendenden Urfunken aus den tobenden Firmamenten denken läßt, den der Doktor entlang eines kunstvoll gelegten Leiters in jene Kreatur herabrief, der sie animierte und in ihr berüchtigtes und tragisches Dasein erweckte.
Unter der nach überaus unsachgemäßer und hyperthermer Lagerung (-was in voller Gänze mir selbst zuzuschreiben ist -) anpappenden Hülle kommt ein hellbrauner, knorrig und wegen des seine Oberfläche unregelmäßig durchstechenden Haselnußbruchs stollig wirkender, schlanker eher Finger oder Zweig als Arm zum Vorschein, der sogleich ein schokoladiges mit der typisch-stickigen Nougatkomponente angereichertes Aroma zur Wahrnehmung stellt. Angesichts der ausgemergelten, unfrischen Erscheinung dieses Ärmchens denkt man natürlich sofort an die mißliche und schlecht organisierte Situiertheit des illegalen Organhandels zum Zwecke prometheischer Todestransszendenz-Experimentalistik im 19. Jahrhundert und umso mehr wundert es einen, daß es Frankenstein, diesem Tausendsassa, tatsächlich gelungen ist.

Mundhaptik: Oha, was haben wir denn da? Steif, mit weicher Oberfläche, warm und hier und da eckig vom Nußholz fühlt sich ein Bissen des Originalarms an. Sofort stellt sich die Assoziation einer fremden, tauben Zunge, die schwer im eigenen Munde liegt ein. So muß es der Kreatur ergangen sein, als der künstliche Lebensfunke ihr die ersten Regungen in die schlotternden Glieder getrieben, das Licht seines Bewußtseins entzunden hatte und es, die fremde Zunge im fremden Munde noch ungestüm hin- und her und gegen fremde Zähne werfend, an den ersten lallenden Worten, am ersten "Wer bin ich?" würgte. Zerbeißt, zerdrückt und verspeist man den Bissen, klammert sich der Brei, die Creme, der Film, zu dem er wird, noch lange an Gaumen, Zunge und Rachen fest, wie eine totenstarre Hand, die nicht loslassen kann.

Geschmack: Groß und mächtig türmt sich der auf kleinsten Raum verdichtete, ja eingesperrte Geschmack dieses Riegels vor einem auf, in seiner schokoladen-nougatären Intensität nahezu überwältigend. Man läuft vor eine Wand aus Geschmack, an der sich zu orientieren man den Kopf in den Nacken legen muß, so hoch ist sie. Und doch ist da ganz in der Tiefe dieses Geschmacksgedröhnes etwas Mildes, etwas Sanftes ja fast Zartes, wie im tiefgekränkten Herzen jener riesenhaften, kolossalen Kreatur, die zur Einsamkeit verurteilt keinen Trost und kein Erkennen unter den Menschen fand. Solange man diesen Geschmack in sich hat, muß man stille stehn, innehalten, schmecken und nur schmecken und ihn, wie einen langsam mit schweren Schritten schreitenden Giganten an sich vorbeiziehen lassen. Wir schmecken ihn, doch er bemerkt uns nicht.

Fazit: Uff. Mächtig. Dieser Riegel hätte Prometheus genug Kraft gegeben, sich von seinem Felsen loszureißen. Nur für die ganz Hungrigen, die vom Tode auferstehen.




Freitag, 1. Juni 2018

Riegelverkostung - Minor

Die im folgenden getestete Riegelware wurde gesponsort von den Mädels der Zürcher-ForGe. Dafür Dank ;)

Was steht drauf: Original. Schokoladen-Confiserie mit gerösteten Haselnuss-Splittern.

Hüftgoldfaktor: man schweigt sich aus...

Erster Eindruck: Ein Riegel mit Minderwertigkeitskomplex? Schmal liegt er da, hart und ganz fest in sich gespannt, wie ein kauerndes kleines Tier, das man in eine Ecke gedrängt hat. In unauffälliges Grün gehüllt, das an TypeONegative erinnert, mit altmodischem Silberstreifen, auf dem in einem penibel und überkommen wirkenden Schriftkasten das eine Wort steht, das alles sagt: "Minor". Der Minderjährige, der Kleine, der, der weniger ist, der weniger bedeutet. Doch "Minor" bezeichnet auch das schönste Tongeschlecht: Moll. Melancholisch, in sich gekehrt ja versunken, desinteressiert am äußeren Eindruck, sparsam im Ausdruck, streng und verweigernd und doch an sich selbst genug.
Eng und fest schmiegt sich dieser Riegel in seine Hülle, die man nur durch entschlossenen Zug aufzuheben vermag, darunter liegt ein unscheinbarer, mattbrauner Barren, stumpf, ohne Verzierungen, ohne Wellen, ohne Tollen. Wie roh behauen imponiert er, wie naturbelassen, mit hellen Haselnußaugen, die wie Wirbel sind im Stein. Dazu paßt, daß sich sogar noch vor den ambientären Schokoladengeruch, den der Riegel verströmt, eine kräftig-holzige Nußader drängt.

Mundhaptik: Weich wie Nougat - dem harten Anschein trotzend - gibt der Riegel nach, wenn man zubeißt. Doch sofort knirscht und birst es auch am Zahn, wenn er auf die allgegenwärtigen Einnussungen trifft: 

So schweben sie in des Riegels Basalte
wie ein noch ungefundenes Metall!
Ehrfürchtig füll'n sie seine Felsenfalte,
und ihre Härte fühl ich überall.

Dieses Stück muß man langsam kauen, zergehen lassen wie einen Funeral-Doom-Akkord, der kriecht und sich wälzt und sich schleppt, während alles in der Dunkelheit des Mundes vermengt, verschmolzen wird: Schokolade, Nougat, Nüsse, und nur eine angenehm zähe, widerständige Masse bleibt: der zermalmte Rest der alles ist, was bleibt, so wie von uns allen, vom Kosmos, dereinst nur zermalmter Reste bleiben werden... wir alle fallen. Und es ist die Unausweichlichkeit, die Gewißheit des Untergangs, die die Minor-Melancholie süß und seine Mundhaptik so schmerzlich angenehm macht.

Geschmack: Das ist ein Riegel für den Winter (und man sollte ihn nicht, wie ich, im Sommer essen). Groß und düster, samtig, schwer und schmiegend ist der Geschmack, unfrisch und warm wie ein Pelzmantel. Breit und heimelig schmeckt das Nougat, darein sich die Röstaromen der Haselnussfragmente eintragen. Die dunkle, weiche Umarmung dieses Geschmacks trägt Melancholie in sich und Endlichkeit, wie die verglimmende Röte und Wärme der Glut der zu Asche gewordenen Scheite eines Holzfeuers, das im Schnee eines tiefgrünen Winterwaldes langsam herabgebrannt ist.

Fazit: Ein Riegel für das Ende der Tage, an dem man das Ende der Dinge erwartet und das Endenmüssen akzeptiert hat.




Freitag, 13. April 2018

Riegelverkostung – Chokito

Die im folgenden getestete Riegelware wurde gesponsort von den Mädels der Zürcher-ForGe. Dafür Dank ;)    

Was steht drauf: Mit Knusperreis – Avec du riz soufflé

Hüftgoldfaktor: 201 Kalorien dat Stück

Erster Eindruck: Ein Schelm, wer da nicht an spielerisch erotisierte Asphyxiophilie dächte, offensichtlicher geht es wohl kaum, der Name deutet es ja schon an: Chokito als Verschmelzung aus dem englischen „choke“ mit spanischem Verniedlichungs-ito. Darüber das knallrote kußmundförmige Nestlé-Logo, darunter die Information über die Beimengung von Reis, der allerdings g’schamig-politisch-korrekt als „Knusper-“ denn als, nun, Reis aus jenen halbweltlichen Etablissements für kommerzielle Genitalrhythmuskoordination bezeichnet wird, obgleich natürlich jeder weiß, was hier wirklich gemeint ist. Zu allem Überfluß windet sich dann noch von unten links aus dem Nichts kommend ein wollüstig-würgewütiger karamellgelber und „knusper“reisbesaugnapfter Tentakel hinter dem Chokito-Schriftzug entlang und durchbohrt diesen neckisch und genau durch das erste „o“. Daß Nestlé endlich mit Chokitos gewagt-verschrobener Erotik in seiner spöttisch signalwestenorangenen Umhüllung der Fa. Wander den ovomaltinenen Schneid bei den Schweizern abkaufen will, dürfte auf der Hand liegen.
Ohne seine grelle Pelle dampft der Charme dieses pockigen Schlawiners etwas ein, denn die durch einen dünnen Schokoguß über die gesamte Riegeloberfläche fixierten „knusper“reisigen Warzoiden verleihen dem präprandial-erotisierten Erwartungsknistern eine beunruhigend venerologische Tingierung, die durch den Geruch Chokitos nicht gerade verbessert wird, erinnert er doch unzweideutig an den der Auskeuchungen aus ihren Ventilen jener inflatiblen PVC-Damen, die sie hervorbringen müßssen, wenn man sie nach gehabter Nutzung in kommodere Maße zurückwringt. Dennoch: ich bin nicht ungespannt.

Mundhaptik: Naja. Allen asphyxiogenen Andeutungen zum Trotz schnürt sich einem die Kehle hier wahrlich nicht zu, noch stockt der Atem und auch die Luft bleibt nicht weg, höchstens die Lust. Das kurze und schnellvergängliche Knistern des „Knusper“reises ist genau so schnell zerkaut und im allerweltszähkaramelligen Toffeegehabe der Hauptfüllkomponente Chokitos abgesoffen, wie es zur Ernüchterung kommt, nachdem eine jener grell bemalten und nicht mehr taufrischen Satisfaktionsbeauftragten mit Penetrationshintergrund die vorab streng und rein geschäftlich ausgehandelten Handgriffe und sonstigen Verrichtungen abgearbeitet und unmittelbar danach zur Beendigung der räumlichen Gemeinschaft ermuntert hat.

Geschmack: Wie würden Sie denn schmecken, wenn Sie für ein paar Monate in der „stummen Ursel“ gesteckt hätten? Bestimmt nicht minder plastinär als unser genoppter Verzehrauftrag hier. „Knusper“reis schmeckt ja in der Regel sowieso nach nichts, es bleibt also ein Karamellkern in Schokohülle, der aber nurmehr durch eine immanente schiere basale Süße kenntlich wird, weil seine komplexeren Aromen im tiefen Schlund jener übermächtigen plastinös-vinylenen Schlauchhaftigkeit, jener ethylen-gummierten Polymerschmelze, jenem bituminösen Weichmacherphtalat versackt sind! Schmölze und verquickte man einen Scheffel braunen Zuckers, reichlich Styropor, die in Knallfolie gewickelte Polyester-Perücke von Theo Lingen, einen Polyurethan-Vibrator und eine Tafel Trumpf-Schokolade, so schmeckte diese Mischung nicht anderes als Chokito.

Fazit: ein Riegel wie eine Nacht voll französischer Küsse im Gummipuppen-Bordell. 




Freitag, 6. April 2018

Riegelverkostung – Tronky Nocciola


Die im folgenden getestete Riegelware wurde gesponsort von Christopher N. und wurde von ihm höchstselbst aus dem ulkigen Nachbarstaat im Süden importiert. Dafür Dank ;)

Was steht drauf: Wafer con ripieno cremoso al cacao e nocciole

Hüftgoldfaktor: 99 Kalorien dat Stück

Erster Eindruck: Wie niedlich, dieses vertiable Leichtgewicht von einem Kleinriegel, der noch dazu einen zugleich albernen und niedlich-plump klingenden Namen trägt, so wie ein vergleichsweise ungroßes weil noch adoleszentes, tollpatschiges Elefäntchen als Hauptdarsteller in einem jener gruseligen trubulent-rührenden Zeichentrickabenteuer für die ganze Familie, in dem es durch seine arglose Unbeholfenheit und Neigung zu Tagträumereien immer wieder in mit klassische Musik imitierender nervend-heiterer Filmmusik unterlegte haar- bzw. borstensträubende Abenteuer und sonstige Schwulitäten gerät. Auf der in der Hauptsache roten, wertig glatt-glänzenden Verpackung findet sich eine comichafte Abbildung Tronkys nebst einer klischeehaften Darstellung von Haselnüssen mit Blattgrün.
Dank der servicebewußterweise angebrachten Aufreißlasche gelangt man schnell zum Inhalt der Packung, der bei Inaugenscheinnahme sofort die Assoziation vom ulkigen Kleinpachydermer zerstört, wenn man mit ihm einen mit okkulten Runen und Gravuren bedeckten und auch noch haselnußholzfarbenen Waffelsarg herauszieht: denn genau wie eine jener Kisten, mit flacher Lade und hochgewölbtem Deckel mit coupierten Schrägenden zur längerfristigen, subterranen Verstauung thermodymanisch equilibrierter Herrschaften sieht der nackte Tronky aus. Und ebenso hermetisch wie sein Erdmöbelpedant seine modernden Gebeine verschließt jener jeden Geruch von Schokolade in sich und gibt lediglich einen waffeltypischen Süßodeur frei.

Mundhaptik: Leider fügt sich die Mundhaptik in ihrer Phänomenologie der sarkophagistischen Assoziation bündig ein: Tronky ißt sich exakt so, als knabbere man an eines in Mumifikation befindlichen Verstorbenen Finger! Die trockene papyrusartige Waffelhülle entspricht dabei der im Wüstenklima exsicierten Pergamenthaut, das auf beunruhigende Weise undifferenziert Weiche des Inneren dem inzwischen durch Autolyse und allgemeine Zersetzung schwammig aber bei simultaner Dehydrierung nicht zerfließlich gewordenen Gewebe. Die zwischen den Zähnen knackenden Nußstückchen erinnern, ich bedaure, dies unbeschönigt so sagen zu müssen, unweigerlich an einen morschen, porösen, ins Fleisch eingebetteten Fingerknochen. So sehr diese Mundhaptik postmortale-Anthropophagie-Aficionados zu Begeisterungsstürmen hinreißen mag, so deutlich muß doch mein Hinweis ausfallen, daß man „special interest“ auch übertreiben kann und so ein Zungenkuß mit Ramses dem II, wie er schon lange weder leibt noch lebt, nicht Jedesessers Sache ist.

Geschmack: Kaum schließt man die Augen während man noch die Reste altägyptischer Potentaten im Munde zermahlt, versetzt einen der verblichen, schwach und erodiert wirkende Geschmack Tronkys in fernste Vergangenheit. So muß das harte, trockene, ganz leicht gesüßte Protobrot steineschleppender Pyramidensklaven, so die staubigen, mit Sirup benetzten Bandagen geschmeckt haben, die sich die ägyptischen Balsamierer vor Mund und Nase banden, um den Gestank ihres in Grabkammern ausgeübten Handwerks zu übertünchen, wenn sie die Bälge ihrer toten Herrscher in die Kanopen leerten: Tronky schmeckt alt, gewesen, vergangen, in der Zeit verloren, so, als sei sein Geschmack seine Rache für die  Störung, die darin lag ihn zu verspeisen.

Fazit: Ein Riegel wie ein Fluch des Pharaos. Ist Mumienschändung eigentlich strafbar?

 
 

Montag, 2. April 2018

Riegelverkostung - Torino

Die im folgenden getestete Riegelware wurde gesponsort von den Mädels der Zürcher-ForGe. Dafür Dank ;)    

Was steht drauf: Lait - Feiner Schweizer Milchschokoladenstengel mit Haselnuss- und Mandelcreme-Füllung

Hüftgoldfaktor: desisch nicccht so wicchtik, odrrr?

Erster Eindruck: Schon wieder ein Schweizer Stängerli und schon wieder im Armeemesser-Rot mit einem kleinen Fähnli auf der Umhüllung? Durch Phantasie bei der Hüllengestaltung brillieren sie ja nicht gerade, die eidgenössischen Schokoriegelanten, und diesem hat man gar nur ein hauchdünnes, fimschiges Mäntlein aus gewalztem und etwas unwertig knisterndem Aluminium umgetan. Drauf findet sich selbstbewußt der wohlstandsgoldumrandete Namenszug, der einen innerlich im Schatten der endlosen Arkadengänge jener bulligen Schönheit im Nordwesten Italiens wandeln läßt.
Schlägt man ihn aus seinem armen roten Talmi-Deckchen, kommt ein langer aber doch massiver, schlanker aber doch schwerer, ganz glatter und wie zur Obacht mahnender Schokoladenfinger zum Vorschein, der gemahnt, daß man es hier gar nicht nötig hat, durch kokette Verzierungen, jene wohlbekannten Wellen und Ziselierungen anderer und eben geringerer Riegel Oberflächen, von der Ausschließlichkeit des zu Erwartenden abzulenken. Nicht minder souverän schickt Torino einem auch eine olfaktorische Botschaft von reicher Schokolade, nuß- und mandelschwerer Fracht entgegen. All dies suggeriert ein so bewußtes Understatement, daß es ein zu erwartendendes Overstatement im Balderschmeckten nicht deutlicher ankündigen könnte.

Mundhaptik: Herrlich. Als stecke der geschickteste Uhrmacher seiner Majestät der Königin der Feen seinen schlanken Finger in feinsten Handschuhen aus Sammet und Elbenhaar uns behutsam und zärtlich in den wollüstig offenen Mund und streiche, gleite und kose damit inniglich uns'ren Gaumen, Zunge, Wangen und Rachen, wohlige, wonnige Schauer auslösend. Hier gelingt das seltene Kunststück, eine gänzlich homogene dick-pastöse Riegelfüllung nicht feist-bräsig, nicht pappig, schmierig oder aufdringlich sondern einfach nur balsamig-sanft und schmiegend-cremig sein zu lassen. Die mundhaptische Entsprechung einer Massage mit warmem Öl unter kundigsten Händen.

Geschmack: Mmmmhhhh.... für einen Moment nur läßt diese dunkelbraune Herrlichkeit, dieses aus den Herzen von Haselnüssen und Mandeln kondensierte Opiat, den mit geschlossenen Augen Kauenden alle Sorgen vergessen in einer Innigkeit und Süße, als werde im selbstvergessen schmeckend-schwelgenden Munde das Adagio aus Bruchs 1. Violinkonzert aufgeführt. Mit anderen Worten:
Er hat sich so unendlich klein begonnen
an jenem Tag, da ich mit ihm begann, -
ist dann im Mund gereift wie unter Sonnen
wobei sich sein Geschmack erst ganz entspann,
dass er in Menschenkindern voller Wonnen
sich ruhend jetzt vollenden kann:

Für kurze Zeit erlöst Geschmack den Kranken von seinem Leid. Und hebt die Augen dem Betrübten über alle Traurigkeit. Und dem Verzweifelten, der ohne Trost und ohne Hoffnung ist, schenkt dieses Schmecken doch Vergessen, wenigstens für kurze Frist. Nimmt alle Last für nur Momente, die schwer auf uns‘ren Schultern ruht: Alles ist gut, alles ist gut.

Fazit: Die mönchisch bescheidene Aufmachung dieses Prachtstücks von Schokoriegel ist nur ein tremulierter Septakkord, der sich in einer überwältigenden Kadenz von Wohlsein und Wohlgeschmack entlädt. Danke.