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Sonntag, 13. Januar 2019

Riegelverkostung – Baby Ruth


Die im folgenden zu testende Riegelware wurde von Jan „Stift“ E. beim Briten erworben und mir für Begutachtungszwecke großzügig überlassen. Dafür Dank.

Was steht drauf:  Bursting with Peanuts, Rich Caramel and Chewy Nougat

Hüftgoldfaktor:  0 Kalorien dat Stück*, eine Angabe von zweifelhaftem Wahrheitsgehalt.

Erster Eindruck: Ist das nun ein Brite (dort erstanden) oder ein Ami (der Riegelname leitet sich passender- und nicht unironischerweise vom Spitznamen eines nicht gerade untergewichtigen und mit mehr als einem Kinn ausgestatteten, jedoch dennoch recht erfolgreichen US-amerikanischen Schlagballspielers der 30er-Jahre ab)? Farblich könnte die weiß-rot-blau auf silbern-spiegelndem Grund daherkommende Verpackung ja sowohl an den Union-Jack als auch das sternenbesprenkelte Banner gemahnen. Die Schrift mit dem typischen zur Namenunterstreichung sich auswachsenden Schwungbogen des letzten Buchstaben erinnert jedoch so sehr an die Aufschriften jener Jacken und sonstigen Paraphernalien US-amerikanischer Colleges, daß, zusammen mit der Tatsache, daß dieser blitzende Riegel in seiner massiven Schwere wie ein guter, aluminiumnener „Louisville Slugger“ wirkt, ich letztlich zur transatlantischen Vermutung neige. In der Tat fehlt dem Riegel auch ohne Hülle in seiner kompakten Spackbräune mit der leicht knolligen, knorrigen Oberfläche das britisch-vornehme Zurückhaltende und Feine und hat er etwas zugleich draufgängerisch-hemdsärmelig-anpackendes und behäbig-stur-schwergesäßiges, was nicht nur in etwa den Charakter des in den USA geschätzten Schlagballspiels sondern auch den des ganzen Landes nicht ganz schlecht beschreibt.

Mundhaptik: Baby Ruth kaut und ißt sich auch wie eine Allegorie auf dieses merkwürdigste aller Länder und seines ach so merkwürdigen Spiels, bei dem teils regelrecht als unsportlich zu bezeichnende und ikonisch bemützte Herren vor allem herumstehen, dabei periodisch Kautabakresiduen ausspeiend und jeweils durch Juckreiz sich bemerkbar gemacht habenden Körperpartien Erleichterung verschaffende, ausgiebiege Schabungen anwohnend und angelegentlich einen Ball entweder fangen, werfen oder einen ihnen zugeworfenen Ball entweder  mittels Schlagholzes und bei Trefferglück in den Orkus kloppen oder aber mittels eines an übergroße Comicfigurenhände erinnernden, krachledernen Riesenhandschuhs aus der Luft schnappen. Ganz selten rennen sie unvermittelt los, meist nur ein paar Meter weit, um, dabei gerne durch den Schmutz schlitternd, ein Kissen zu erreichen, an dem sie sich nach bewältigtem Spurte ausruhen können. Auch beschimpfen sie einander und zetteln Keilereien an, falls einer, der wirft, mit dem Balle einen, der schlagen soll, statt dessen Schläger trifft. Mit anderen Worten: das ganze ist sehr aufwendig, hermetisch dicht und intransparent aber auf gewisse Weise durch seine fremdartige Faszination und unerwartete Wendungen irgendwie unterhaltsam.

Geschmack: Durch eine gastroikonographische Gestaltwerdung des amerikanischen Traums vollendet Baby Ruth seine Identität als All-American-Riegel: hier schmeckt man die ganze Fülle eines seinen wehrlosen und unproduktiven Erbinhabern geraubten und nun weidlich ausgepressten Riesenreiches, den Mangel an jeglichem Mangel, worüber sich die seeadlerbeschwingte Phantasie des Alles-ist-Möglichen aufspannt: hochverdichtete Erdnüsse, in Nougat-Karamell-Candycreme, umarmt von einem dichten, dicken Schokoladenmantel erzählen in ihrem nicht eben subtilen, süßen, wohlgefälligen, breitbandigen und auf Kritik erstickende oder überhörende Weise mit sich zufriedenen, nachgerade myopisch selbstreferentiellen Geschmack von unbegrenzten Möglichkeiten, im Schutze derer sogar dicke, unsportliche Männer in eben eigens für dicke, unsportliche Männer ersonnenen Sportarten reüssieren können. Die Lüge oder – freundlicher – hartnäckige Autosuggestion, der zufolge all dies folgenlose Taten wären, daß Himmel, Erde und Luft unbegrenzten Kredit einräumten, tritt hüben dann durch das Leugnen von Klimawandel, realitätsverweigernde Benzinpreise und 20l-Motoren und hier eben durch eine Angabe von 0 Kalorien in Erscheinung. Oh say can you see?

Fazit: Uh Ess A! Uh Ess A!



*hier die Quelle der Angabe auf der Riegelrückseite:

Samstag, 10. November 2018

Riegelverkostung - Symphony

Diese Riegelware wurde mir von der werten Tovaritsch Galinskarovskajowitsch zur Verkostung zur Verfügung gestellt. Dafür Dank.

Was steht drauf: Creamy Milk Chocolate; Almond & Toffee Chips

Hüftgoldfaktor: 220 Kalorien dat Stück.

Erster Eindruck: Ein an Notenpapier erinnerndes Linienmuster auf pergamentfarbenem Untergrund auf einer Riegelverpackung kommt mir irgendwie bekannt vor. Allein, hier sind die Linien gerader und kann ich wenigstens den auf mich als Freund dieser musikalischen Gattung äußerst sympathischen und in augengefälliger Schrift gesetzten Namen lesen. Es wird uns also bei bewußt schlicht gehaltener Ummantelung, bei selbstbewußtem Understatement in der Annonce ein wahrhaft symphonisches Geschmackserlebnis angekündigt, ein wohlmundendes Zusammentreten schokoladiger, mandeliger und toffeesker Bestandteile, die im Sichergänzen größer und reicher werden, als die Summe ihrer Einzelkomponenten.
Und sollte man auf der Verpackung den Hinweis auf den Hersteller dieses musischen Barrens übersehen haben, wetzt ein unübersehbares Relief aus Großbuchstaben in der leicht konkaven Oberfläche desselben diese Scharte aus und gibt eindrücklichst zu verstehen, daß es sich dabei um niemand anderen als HERSHEY handelt.
Unter der milchschokobraunen Hülle riecht man auch schon allerhand Andeutungen des sich bald geschmacklich zu Entfaltenden, so als lausche man ganz dicht am Vorhang vor dem Orchestergraben dem Stimmen der Instrumente, das zwar noch nicht recht harmonisch aber in seinem ureigenen Klang ungemein spannend und vorfreudig tönt.

Mundhaptik: Ein kurzer Wirbel auf der Pauke leitet den ersten Satz, ein kurzes Knacken den ersten Bissen ein. Dann setzten schnarrend und brummend die Celli und Kontrabässe ein, dazu reiben sich ein paar Bratschen ein, während Symphony im Mund seinen Kau-Lauf nimmt und man sofort nach dem Abbiß knackende Mandelhälften und honigklebrige knacksenden Toffeespindeln gewärtigt, die zerrieben und zerscharrt werdend mit dem Schmelz der zergehenden Milchschokolade wie in einem Bett, einer gemütlichen Lade aus crescendierend-wabernden Violinen sich vermengen und schließlich verbinden. Frohgemut kaut man vor sich hin und ein Banause wäre, wessen Kiefer nicht  unwillkürlich in den gemütlichen Takt von Haydns Hunderterster, 2. Satz einfielen.

Geschmack: Wie eine Haydn-Sinfonie ist auch dieser Geschmack nicht unbedingt das, was man als "frisch" bezeichnen würde (was auch dadurch mitbedingt sein könnte, daß mein Riegelexemplar sein 'best before' im Februar 2017 überschritten hatte), allein das etwas angestaubte, antiquierte einer schweren, antiken Standuhr aus dunklem Holz mit großem Messingpendel paßt hier ganz vorzüglich ins Gesamtbild. "Symphony" mit seiner leicht angelaufen wirkenden schokoladenen Süße, dem Karamelligen, dem Honigunterton und den betagten Mandeln schmeckt, wie ein Herbstnachmittag in Großvaters gemütlicher, stets etwas zu dunklen Stube mit den alten Möbel, den dicken Vorhängen, die ein kleines bißchen muffig nach den eigentlich verbotenen Zigarren riechen und der gemächlich tickenden Uhr. Und wenn er dann eine Schellackplatte mit Haydn auf den steinalten, immer ein wenig rauschenden Grundig-Plattenspieler auflegte, während man die archaischen, aber herrlich süßen und aneinanderklebenden Karamellbonbons aus der braunen Holzdose, die ihm sein eigener Opa geschnitzt hat, lutschteund seinen Geschichten lauschte und sich fragte, wie alt er eigentlich ist und in kindlicher Bezugsgrößenlosigkeit "bestimmt 100!" schätzte, hatte man schon eine ganz präzise Vorstellung vom Geschmack dieses Riegels, der erst Jahrzehnte später in den eigenen Mund finden sollte.

Fazit: Nostalgie und Symphony. Ein Riegel, der einen auf eine behagliche Reise in gute alte Zeiten schickt, in denen alles langsamer, einfacher und süßer war.



Freitag, 22. Juni 2018

Riegelverkostung - Payday

Diese Riegelware wurde mir von der werten Tovaritsch Galinskarovskajowitsch zur Verkostung zur Verfügung gestellt. Dafür Dank. Auch wird zu prüfen sein, ob und was mir dazu - nach 5 Jahren - Neues einfällt

Was steht drauf: Peanut Caramel Bar

Hüftgoldfaktor: 240 Kalorien dat Stück

Erster Eindruck: Naja, einen ersten Eindruck hatte ich ja schon, doch heute trotze ich mir etwas mehr als die damaligen mageren Worte ab. Denn wenn man Payday, und dann auch noch an einem Friday wie heute, wann man nicht nur bester Laune sondern bekanntlich auch wieder Payday ist, da so liegen sieht, erschließt sich einem sofort, worum es hier geht: es gibt keine Schokolade (ob man nun Arme hat oder nicht), sondern eine Abrechnung! Payday, payback einerlei, die dicken rotorangenen Lettern auf weißem Grund kündigen blutige, entschlossene und endgültige Vergeltung an. Und die finale Verfolgungsjagd dessen, an dem der Protagonist, der sich mit Payday dafür zu stärken hat, Rache nehmen muß, findet auf Skiern statt, durch den Schnee, der so weiß ist, wie Paydays Hülle: der Mann in Rot floh durch den Schnee und der Payday-Rächer folgte ihm. So oder so ähnlich könnte ein Roman beginnen ;)
Aus seiner Tunika geschlagen offenbart sich ein beiger Barren, der wie erstarrtes Toffee oder Karamell imponiert, das in einem Bad aus halben Erdnüssen zu Ruhe und endgültiger Form kam. Ohne eine gewohnte Schokoladenhüllschicht wirkt er nackt, unwirklich, bloßgestellt, wie gehäutet. Er sieht aus wie eine naschwerkgewordene Allegorie auf den Weg der Rache: lang und holprig, voller Unwegsamkeiten und Enstellungen und mit abruptem Ende.

Mundhaptik: Mein damaliges Erlebnis wiederholt sich: es quietscht tatsächlich an den Zähnen beim Abbeißen. Dieses Geräusch, gepaart mit der Zähheit der sich bei Abbiß darstellenden alttoffeebedingt ledrigen Kaumasse macht deutlich, daß der Rächer vor nichts haltmacht, daß er sich mit Zähnen und Klauen durch alle Widerstände und Hindernisse, die zwischen ihm und seinem Ziel stehen, kämpfen wird. Trocken und widerspenstig kaut sich das hier, eine unfrohe aber verbissene Entschlossenheit, die Sache zu Ende zu bringen, stellt sich ein. Staubiges, dröges Toffee wird zerquetscht, Nüsse werden zermalmt… durchhalten, irgendwann wird es doch nach irgendwas schmecken…

Geschmack: Rache sei süß, so sagt der Herr V. Olksmund, Payday ist es nur bedingt und vor allem am Anfang nicht. Zunächst ist da gar nichts, schmeckt man nur das Äquivalent eines Testbilds. Dann zieht langsam und zunächst nur eine Salzigkeit der Nüsse auf, die im Mund bitzelt wie Schweiß in Augen und Wunden. Und erst wenn man sich durchgebissen, durchgehalten, beharrt hat, gibt das wie in einer Dauerform in sich eingeschlossene Toffee, nachdem der an es anbrandende Speichel ihm ausreichend zugesetzt hat, widerwillig und zögerlich eine kleine, zurückhaltende, reduzierte Süße frei, die arm ist wie eine Enttäuschung.

Fazit: Ein Riegel als Lehrstück, als Parabel auf die Untugend der Rache und eine Warnung davor, sein Leben der Suche nach Vergeltung zu verschreiben, da man nach vollbrachter Tat feststellen wird, daß salzige, schale Leere,  alles ist, was bleibt. Das und Erdnüsse.







Freitag, 8. Dezember 2017

Riegelverkostung – Almond Joy



Was steht drauf: Milk Chocolate, Coconut & Almond

Hüftgoldfaktor: 220 Kalorien dat Stück

Erster Eindruck: Mandelfreude. Ein so scheinbar einfaches Wort, ein vermeintlich so naheliegender Name für einen Riegel mit Mandeln stürzt mich sogleich in tiefe epistemische Verwirrung. Von welcher Freude mag hier die Rede sein, von der, die mir der Verzehr durch das enthaltene Mandelgut bereiten soll oder gar jener, die, wem? den enhaltenen Mandeln oder doch der Mandel als platonischer Idee zu empfinden zugetraut wird, wenn dieser Riegel seinem Zweck, der ja notwendig seine Vernichtung, seine Verendlichung beinhaltet, zugeführt wird? Gehört das Verzehrtwerden mithin zum kant’schen Zweck an sich selbst der einzig zu Verzehrzwecken gepflanzten Mandel oder ist er bereits in der seinsmäßigen Mandelhaftigkeit, aus der grundsätzlich Verzehrbarkeit emergiert, enthalten? Und was ist mit der Kokosnuß? Wieso ist sie nicht Teil des Namens? Weil sie weder Freude bereiten noch empfinden kann oder soll oder weil man sich aus unbekannten Gründen der Asymmetrie der Beurteilbarkeit dieser Frage bei ihr weniger gewiß ist als bei der Mandel und sie daher provisorisch unbeurteilt läßt? Wie ein fragender Mund und zwei schräggestellte Mandelaugen darüber starren einen die Abbilder der Zutaten von der in verschiedenen Blautönen gehaltenen Umverpackung an und werfen die Frage auf den Esser zurück, der im Inneren derselben, auf einer weißen Papplade drapiert, zwei kurze, pseudoovale Schokoschiffchen vorfindet, auf denen je zwei Mandeln liegend unter Schokoguß festgehalten sind. Und während sich jene Mandeln durch ihren Umriß verraten, bleiben sie doch unriechbar, wo vom Schiffchen bereits eine leichte Kokosbrise herweht.

Mundhaptik: Ich weiß auch, wie die Schiffchen heißen: Bounty, ohne Zweifel und die Mandeln sind als blinde Passagiere an Bord, die zu inert, zu phlegmatisch und unwirksam sind, um eine Meuterei auszulösen. Denn diese Chose kaut sich keinen Deut anders, als jener vulgärkaribische Allerweltshalbriegel, dem man aus unerfindlichen aber wahrscheinlich neckisch gemeinten Gründen zwei jener Rosaceasamen oktroyiert hat. Es bietet sich dem Munde  also ein halbzähkauiges, koksfaseriges nicht unangenehmes Kaugut, in dem, je nach Abbißstelle, mal mehr, mal weniger Mandelknack enthalten ist, was aber weniger Freude als milde Irritation verbreitet.

Geschmack: Die Freude an der Mandel kann hier wohl nur ein von seinen Fesseln freigesetzter platonischer Höhlenbewohner empfinden, der sich von der Allgegenwart der seinen Horizont aus Kavernenwänden füllenden, ja erfüllenden und alles andere überstrahlenden Kokosprojektion abgekehrt, sich umgewandt und beim Lichte der Idealwelt in der tiefsten geschmacklichen Tiefe der Wirklichkeit die reine Idee der Mandel geschaut hat. So furchtlos, messerscharf und genau muß man schon hinschmecken, wenn man im breiten, dröhnenden, beherrschenden, leicht schokolierten Kokosgewitter, das sich aufmerksamkeitheischend über den Geschmackspapillen entlädt und sie in Bann schlägt, das dünne, ephemere Fistelarömchen der Mandelidee aufnehmen will, welches zumeist nicht einmal mehr und nicht eigenständiger ist, als bloß die Summe des Nicht-Kokosseienden.

Fazit: Mandelfreude bezeichnet also die Freude, über den eigenen epistemischen Mut, die aufgebrachte metaphysische Sinnenschärfe, derer es bedarf, sich aufzuraffen und scheinbar gegen alle Vernunft einen Funken vor der Feuersbrunst, einen Tropfen im Wolkenbruch, ein Blatt im Urwald aufzufinden. Ich gehe jetzt zurück in die Höhle um zu verkünden, was ich gefunden habe. Man wird mir keinen Glauben schenken.



Freitag, 17. November 2017

Riegelverkostung - York

Was steht drauf:  "Get the sensation", 70% Less Fat!, Dark Chocolate Covered Peppermint Pattie

Hüftgoldfaktor: 150 Kalorien dat Stück

Erster Eindruck: Der Riegel zum Auto oder was? Daran mußte ich denken, als ich das "York"-Logo: weiße Schreibschrift auf blauem Grund in weißer Umrandung sah, erinnert es doch höchst auffällig an das Logo des Blechkutschenherstellers mit dem Namen jenes 38. US-Präsidenten, der als einziger bisher nicht in dieses Amt, in dem er nur 895 Tage diente, gewählt wurde. Doch auch der Name des Riegels, eine Silbe, vier Buchstaben, in der Mitte "or" ist zu ähnlich, als daß ich an einen Zufall glauben könnte. Die metallisch spiegelnde Umverpackung, die natürlich an eine silbrige Karosserie erinnert, vervollständigt den Eindruck, der sein i-Tüpfelchen schließlich durch einen jener leeren, generischen, allverwendbaren und ebensogut wie -schlecht zu den rollenden Produkten des großen Karrossenschmieds wie zu einem Schokoriegel oder auch Wanderschuhen, einem Bratschlauch, in dem Entenbrust besonders zart wird oder Feuchttüchern mit der Duftnote "Preisselbeere" passenden Reklameslogans erhält: "Get the sensation".
Man fragt sich nur, was die Naschwerkproduzenten dieser Welt bloß an der Stadt York so überaus schokoriegelnamenwürdig finden, das ist jetzt der dritte, der mir unterkommt, der so oder so ähnlich heißt. Und dabei ist, wie man nach Packungsöffnung sogleich gewärtigt, "York" nicht mal ein Riegel, sondern drei in eine dünne Pappschiene geladene, runde, zartbitterschokoldenüberzogene Taler. Da hätten sie doch, schließlich hat ein Kfz ja derer ebensoviele Räder, vier Taler beigeben können, denkt man sich, während man unverwundert einen ganz und gar an After Eight erinnerenden Duft aus den Talern wahrnimmt.

Mundhaptik: Die Assoziation hält auch hier, denn York kaut sich, wie ein Ford sich fährt. Nicht überraschend, nicht spektakulär, einfach, erwartungsgemäß, schlicht, beflissen, eintönig, alltäglich, man könnte sagen: normal. Der Taler ist gefüllt mit einer festen, weißen Masse, die nichts mit dem gediegenen Edelfluidium derer "Nach Acht" zu tun hat, sondern eher an nachgiebigen, ja demütigen Kokosmölm erinnert. Form- und konturlos leistet es dem Zerbissenwerden keinerlei Widerstand und auch Zergehenlassen geht. Es wird York sein, was die York-Arbeiter in den York-Fabriken in den Mündern wenden, wenn sie ans Werk gehen, York zu machen.

Geschmack: Ein wirklich keiner weiteren Erwähnung würdiger Sangesmann bot dereinst die Zeile an: Mit Pfefferminz bin ich Dein Prinz. Dies ist nicht nur ein denkbar fader Reim, sondern, zumindest bezogen auf York, eine Aussage, der die Eigenschaft zukommt, daß sie nicht stimmt. Denn der entschieden unleugbar vorhandene Pfefferminzgeschmack dieser Taler ist nicht von Adel sondern von Brachialität. Im Gegensatz zum feiner ausgewogenen britischen Täfelchen überspachtelt er unsensibel jeden Hauch von Schokoladengeschmack, drängt sich rüde und tölpelhaft in den Vordergrund und wirkt so auf die gleiche unerfreuliche Weise aufdringlich, wie der Geruch in einem Auto, an dessen Innenspiegel 4 Vanille-Duftbäumchen zu hängen, dessen Nutzer unerlässlich dünkte. So kommt einem die Ostentativität der pfefferminzenen Allgegenwart Yorks vor, wie das Geld eines Lottogewinners aus bildungs- und etikettefernen Schichten: in seinen Händen, mit denen er nichts anderes halten und vorzeigen kann, weil er nichts anderes hat, wirkt es ordinär, unfein und weniger wert als hätte es jemand, dem es weniger wichtig ist.

Fazit: Taler, Taler, Ihr müßt wandern, sucht zum Loben Euch 'nen ander'n. Wenigstens habe ich jetzt frischen Atem.


Freitag, 27. Oktober 2017

Riegelverkostung – Turtles

Was steht drauf: „The Original Caramel Nut Cluster“; Original Pecan, Milk Chocolate with Creamy Caramel and Premium Pecans; Classically Crafted Since 1916; 3 Pieces

Hüftgoldfaktor: 83,3 Kalorien pro Verzehreinheit

Erster Eindruck: Da kam also einer auf die Idee, mitten im Ersten Weltkrieg damit zu beginnen, ein in Einzelbatzenform daherkommendes Schokonaschwerk namens “Schildkröten” herzustellen. Liegt ja auch nahe. Ebenso nahe jedenfalls, wie die Batzen in ein schildkrötenrotgoldenes Mäntlein zu kleiden. Der Name rührt sicher von der überaus entfernten Ähnlichkeit mit der rücklings mitgeführten Wohnstatt und Schutzbehausung jener traditionell gemächlich ihr Tagwerk verrichtenden Sauropsiden her, dabei kommen die bezeichneten Knubbel leider ohne schmucke Musterung und ohne Extremitätenöffnungen daher. Angesichts der Form der aus ihrer Hülle befreiten und auf einer vornehmen Pappzunge servierten Batzen hätte man sie daher wohl besser „Helmets“, „plattgekloppte braune Wanzen“ oder „Zwergenfeldherrenhügel“ geheißen. Und wie sie da in ihrer reptilienhaften, poikilothermen Stoik am Tageslicht liegen, lassen sie nur einen eher schwach ausgeprägten Schokoduft wahrnehmen. Es spannt sich also hinsichtlich der Verzehrvorfreude durchaus eine gewisse kognitive Dissonanz auf zwischen den Polen überaus schmackhaft klingender Ingredienzen und dem eher schäbigen, ungrazilen, ungeschaffenen Äußeren des in Angeschmack-zu-Nehmenden.

Mundhaptik: Den Bruchteil einer Sekunde denkt man beim ersten Anbiß: „Oh nein, Lebkuchen!“, denn die Schneidezahnhaptik der Batzen mutet ganz kurz und ganz zu Beginn exakt so an, wie der Biß in einen jener unvermeidlichen, wenig geliebten, oblatenfundierten und ebenfalls formhalber schildkrötenpanzerremineszenten, schokoüberzogenen Jahresendgewürzteigtaler. Doch diese mißliche Assoziation löst sich sofort in Wohlgefallen auf, wenn sich die Verzehrmasse nach ein paar Kieferschlägen sogleich in einen nußknackig-karamellkauigen, exakt angenehmen Kauwiderstand leistenden Mundschmeichler verwandelt, der gutmütig und in eigenweltlicher Behaglich- und Behäbigkeit, ganz Schildkröte also, in den kauenden Hallen auf und ab watschelt, bis er schließlich die Reise den großen Fluß herab in den Schlund antritt. Dieses innerorale Geschehen hat etwas so stillvergnügtes, selbstgenügsames, rührend-argloses, daß man sogleich einem Verein zum Schutz bedrohter Testudinata beitreten möchte.

Geschmack: So wie der Panzer der Schildkröte ihr zu Schutz und schmuckvoller Aufbewahrung ihrer wertvollen Innereien dient, so beherbergen diese reizlosen, unscheinbaren Klötzchen das eigentlich Wichtige dieses Naschwerks in ihrem Inneren: Pekannußstücke! Diese etwas streng und sonderbar und sehr eigen mundenden Hickoryfrüchte schmecken einen aus dem fein auf sie abgestimmten und sie gut zur Geltung bringenden Passepartout aus Schokolade und Karamell mit eigentümlich starrer Intensität an. Es fühlt sich an wie die geschmackliche Entsprechung des vorwurfsvollen aber auch resignativen und doch milde verzeihenden Blicks aus den feuchten, unergründlichen Augen des letzten Exemplars einer Schildkrötenart, die mit ihm zusammen aussterben wird, der Dir sagt: „Ihr habt uns ausgerottet, totgeschlagen und aufgegessen wo immer ihr uns fandet, wir haben keinen Widerstand geleistet und mit mir stirbt die letzte von uns, das Leiden hat jetzt ein Ende. Doch ich zürne Euch nicht, Ihr seid nur Menschen, eine junge, brutale und jammervoll verworfene Spezies, die sich dereinst, als erste und einzige Art in der Geschichte des Lebens, ihr eigenes Ende bereiten wird – wir vergeben Euch, denn Ihr wißt es nicht besser…“. Genauso schmecken Turtles.

Fazit: Ein sehr besonderes Naschwerk oder: drei Batzen für melancholisch-nostalgische Hobbyherpetologen.




Freitag, 20. Oktober 2017

Riegelverkostung – SKOR

Was steht drauf: Delicious Milk Chocolate / Crisp Butter Toffee

Hüftgoldfaktor: 210 Kalorien dat Stück

Erster Eindruck: Das also ist der Riegel des verruchten Hauses Skor aus den sonnenverwöhnten mörderischen südlichen Reichen. Haus Skor, mit seinem Wappen der goldenen Krone auf schwarzem Grund vor blutroter Sonnenscheibe, das sich auch auf der rabenschwarzen Riegelumhüllung findet. Schwarz, wie die fruchtbare Erde dieses Landes, Schwarz wie die nächtlichen Gewänder seiner Bewohner und Schwarz wie ihre verdorbenen Seelen, worin es sie in ihren in längst vergessene Zeiten zurückreichenden Fehden nach Blutrache und bitterer Vergeltung dürstet. Und so wie das Land der Skor, flach und weit und dunkel, den Boden durchsetzt mit güldenen Erzen, daraus sie vor Äonen ihre berüchtigte Krone schlugen, so wird auch ihr Hofriegel dargestellt. Zieht man den Naschbarren aus seiner Scheide, offenbaren sich auf seinem schokoladenen Überzug dieselbe komplizierte und kunstvoll intarsierte Ziselierung, die selben beiden paarigen Blutkehlen, die die skorischen Waffenschmiede seit Menschengedenken ihren gefürchteten schwarzen Schwertklingen eintreiben. Der sparsame Schokogeruch dieses Hungertöters, dieses Notung unter den Süßwaren, hat etwas strenges, diszipliniertes, bitteres und versagt die Preisgabe jedes Hinweises auf noch in ihm verborgene Schätze.

Mundhaptik: Man kaut hier eine Allegorie auf das Leben, wie es die Skorer nicht anders kennen. Unter einem hauchdünnen bittersüßen Firnis, hinter einer vordergründig den Schein wahrenden, milde gefälligen aber doch fast durchscheinenden Fassade wartet nur beinerne, unnachgiebige karamellene Härte, alle Härte eines Lebens, das kurz ist und spröde und bei aller Härte doch so zerbrechlich. Ein Sprichtwort in Skor lautet nicht umsonst: Wenn Du fällst wird nur der harte Grund Dich fangen. Schon früh händigen skorische Mütter ihren Kindern diese Riegel aus, damit sie daran lernen, nicht zu stürzen: Skor kann man nicht kauen, nicht genießerisch am Gaumen zerdrücken und zergehen lassen, nein, man muß ihn brechen und zertrümmern, muß seine Struktur zerstören, um ihn herunterzubekommen und wie das Zersplittern und Zerspringen spröden Schiefers, das schleifende Zerriebenwerden scharfkantigen Splitts tönt es aus dem sich abmühenden Mund, in den man einen Skor gestochen und in dieser Wunde abgebrochen hat.

Geschmack: Wenn man sich aber dieser gnadenlosen, harten Lebensschule, dieser peroralen Splitterbombe, den Zumutungen dieses grimme Züchtigung gewordenen Naschwerks duldsam unterwirft, so entfaltet es mit seinen zerschellenden karamellenen Schrapnellen ein ernstes, röstnotenreiches, firmes und lange, wie ein Echo nachklingendes Geschmackserlebnis aus reinem, vollbandigem, breitwandigem und alle denkbaren dieser Substanz zuzueignenden gustatorischen Farben und Schattierungen einendem Karamell. Es ist, als wollte Skor uns lehren, Schönheit auch noch im Allerkärgsten zu suchen, als wollte es uns die bittere Erkenntnis unserer kleiner Leben Kürze mit einem süßen, letzten Epitaph vergelten:

Vielleicht, daß wir durch Skores Härte gehen,
in karger Süße, wie ein Erz allein,
und sind so tief, daß wir das Ende sehen
und alle Fernen wurden Nähen
und alle Nähen werden Stein.

Fazit: Skor zu essen ist so paradox, wie sich an einer versteinerten, stoisch-nihilistischen Ethik zu erfreuen, die lehrt, daß Hoffnung für die Schwachen ist und sich, die Hoffnungslosigkeit während der zwei Wimpernschläge, die das Leben andauert, umarmend, an der eigenen Stärke zu erfreuen. Man muß sich Sisyphos als einen Skor-Esser vorstellen.