Was steht drauf: Schokolade-Riegel mit Praliné-Füllung und ganzen Haselnüssen
Hüftgoldfaktor: 288 Kalorien dat Stück
Erster Eindruck: Hier habe ich etwas geheimes, verborgenes. "Ragusa" klingt wie der Name einer vergessenen Inkagötzin zweifelhaften Charakters, deren düsteren, verfallenen, moosbedeckten Tempel, halb in einem See versunken, man finden könnte, nachdem man sich wochenlang macheteschwingend durch unerkundete Urwälder im Osten Perus würde gekämpft haben. Und um für einen solchen Marsch, dem geflüsterten Namen der Göttin, den man monatelang in fiebrigen Träumen gehört, folgend, gerüstet und genährt zu sein, braucht man diesen Riegel. Unter seinem schräg aufsteigend weiß auf tiefem Braun gedruckten, goldumrandeten Namen, der Anstiege über schneebedeckte, sonnenüberflutete Gipfel, die sich über tückischen Mooren erheben, andeutet, steht treu und verläßlich nur das Schweizer Wimpelchen, das einem noch Halt gibt. Und auch das getreue und sich zur Rechten der Verpackung hin wie ein Sonnenaufgang aufhellende Orange, in dem ein ziseliert-französisiertes "Classique" schwebt, gibt wie ein erschöpfter Blick gen Himmel Hoffnung und Heimat, im Geist erklingt "Komm, süßer Tod", gespielt auf der Wanamaker-Orgel.
Ragusa verbrigt sein Geheimnis denn auch im Tempelpendant einer edlen Faltschachtel aus hochwertig bedruckter Pappe. Darin ruht ausgestreckt, wie in einem Mausoleum, statt in silberbesticktes Brokat in ein eng an den schlanken Quaderlaib angeschmiegtes Kleid von Aluminium, des Riegels Korpus, der, davon befreit, sogleich den schweren, weichen, dunklen Geruch feisten, schokoladengefaßten Nougats freisetzt, denn der Riegel ist nur halbbedeckt oder seitlich schon eröffnet, längs zerteilet wie von scharfen Lanzen, wird dieser Leib gezeigt wie in Monstranzen, vor dem man einstens tief ins Knieen glitt: wer ihn nur sieht der sättigt sich damit.
Mundhaptik: Ragusa greift mir in den Mund und füllt ihn an mit sich; weich und lockend, mächtig aber auch und schwer, zergeht, verdrängt, schmiegt sie sich ein und verlangsamt alles, indem sie sogleich zerschmilzt. So aufwendig bei gleichzeitiger Minderkomplexität ist diese Haptik, daß mich das Prozessieren derselben so in Beschlag nimmt, daß ich nicht einmal sicher bin, ob ich diese Vereinnahmung transzendierend oder aufdringlich finde. Nur gleichgültig, soviel weiß ich, ist sie nicht.
Geschmack: Wie in den Nächten schwere Erde aus allen Sternen in die Einsamkeit, fällt man in diesen Geschmack. Wir alle fallen ja, nur nicht Ragusa, welche dieses Fallen unendlich satt in ihren Händen hält. Man schwebt hier orientierungslos in einer großsüßen Geschmakssingularität, in einer Mächtigkeit, einer hermetischen Eindeutigkeit aus Schokonougat, über deren supernovalen Ereignishorizont die schweifhaften Anschmecksel der vereinzelten Haselnusskometen, die in die dunkle Unergründlichkeit dieser übersättigten Verdichtung geworfen sind, nicht hinauszuwirken vermögen.
Fazit: Ein Riegel, wie eine Immersion im dunkelsten und geheimsten Ritual eines unaussprechlichen Kults zum Höllensturz des Hungers, wonach man, je nach Neigung, einen Exorzismus oder einen Kelch voll Opferblut benötigt.
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