Freitag, 1. Juni 2018

Riegelverkostung - Minor

Die im folgenden getestete Riegelware wurde gesponsort von den Mädels der Zürcher-ForGe. Dafür Dank ;)

Was steht drauf: Original. Schokoladen-Confiserie mit gerösteten Haselnuss-Splittern.

Hüftgoldfaktor: man schweigt sich aus...

Erster Eindruck: Ein Riegel mit Minderwertigkeitskomplex? Schmal liegt er da, hart und ganz fest in sich gespannt, wie ein kauerndes kleines Tier, das man in eine Ecke gedrängt hat. In unauffälliges Grün gehüllt, das an TypeONegative erinnert, mit altmodischem Silberstreifen, auf dem in einem penibel und überkommen wirkenden Schriftkasten das eine Wort steht, das alles sagt: "Minor". Der Minderjährige, der Kleine, der, der weniger ist, der weniger bedeutet. Doch "Minor" bezeichnet auch das schönste Tongeschlecht: Moll. Melancholisch, in sich gekehrt ja versunken, desinteressiert am äußeren Eindruck, sparsam im Ausdruck, streng und verweigernd und doch an sich selbst genug.
Eng und fest schmiegt sich dieser Riegel in seine Hülle, die man nur durch entschlossenen Zug aufzuheben vermag, darunter liegt ein unscheinbarer, mattbrauner Barren, stumpf, ohne Verzierungen, ohne Wellen, ohne Tollen. Wie roh behauen imponiert er, wie naturbelassen, mit hellen Haselnußaugen, die wie Wirbel sind im Stein. Dazu paßt, daß sich sogar noch vor den ambientären Schokoladengeruch, den der Riegel verströmt, eine kräftig-holzige Nußader drängt.

Mundhaptik: Weich wie Nougat - dem harten Anschein trotzend - gibt der Riegel nach, wenn man zubeißt. Doch sofort knirscht und birst es auch am Zahn, wenn er auf die allgegenwärtigen Einnussungen trifft: 

So schweben sie in des Riegels Basalte
wie ein noch ungefundenes Metall!
Ehrfürchtig füll'n sie seine Felsenfalte,
und ihre Härte fühl ich überall.

Dieses Stück muß man langsam kauen, zergehen lassen wie einen Funeral-Doom-Akkord, der kriecht und sich wälzt und sich schleppt, während alles in der Dunkelheit des Mundes vermengt, verschmolzen wird: Schokolade, Nougat, Nüsse, und nur eine angenehm zähe, widerständige Masse bleibt: der zermalmte Rest der alles ist, was bleibt, so wie von uns allen, vom Kosmos, dereinst nur zermalmter Reste bleiben werden... wir alle fallen. Und es ist die Unausweichlichkeit, die Gewißheit des Untergangs, die die Minor-Melancholie süß und seine Mundhaptik so schmerzlich angenehm macht.

Geschmack: Das ist ein Riegel für den Winter (und man sollte ihn nicht, wie ich, im Sommer essen). Groß und düster, samtig, schwer und schmiegend ist der Geschmack, unfrisch und warm wie ein Pelzmantel. Breit und heimelig schmeckt das Nougat, darein sich die Röstaromen der Haselnussfragmente eintragen. Die dunkle, weiche Umarmung dieses Geschmacks trägt Melancholie in sich und Endlichkeit, wie die verglimmende Röte und Wärme der Glut der zu Asche gewordenen Scheite eines Holzfeuers, das im Schnee eines tiefgrünen Winterwaldes langsam herabgebrannt ist.

Fazit: Ein Riegel für das Ende der Tage, an dem man das Ende der Dinge erwartet und das Endenmüssen akzeptiert hat.




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