Freitag, 6. Oktober 2017

Riegelverkostung - [unbekannt 2]

Dieser Kamerad unleserlichen Namens wurde in Südkorea verhaftet und reiste mit mir zurück ins Land der Langnasen, wo er seinem gerechten Verzehr zugeführt wurde.

Was steht drauf: Premium und allerhand koreanisches Kauderwelsch.

Hüftgoldfaktor: 180 Kalorien dat Stück.

Erster Eindruck: Offenbar ein Akademiker-Riegel. Man verzichtet hier auf grelle Farben, wüste Logos, Abbildungen des bereits angebissenen Riegels und was der optischen Zerstreuungen und hyperbolischen Annoncen sonst auf Schokobarrenumverpackungen gerne zu finden sind. Stattdessen kündigt feine goldene Schreibschrift in gebildet wirkenden lateinischen Lettern ein "Premium"-Produkt an und selbst die rote Sprechblase, die der koreanische Riegelname von sich gibt, trägt einen Doktorhut. Das ganze findet auf einem pastellgelben Hintergrund statt, auf dem an Notenblätter erinnerne Linierungen Orientierung und Struktur verleihen. Es ist anzunehmen, daß es sich bei dieser Verzehreinheit um die selbst von koreanischen Tigermüttern gutgeheißene Ernährungsergänzung handelt, mit der die kleine Shin-Li nach einem 12-Stunden-Tag an der Uni, wo sie mit 6 schon Medizin studiert, sich vor dem abendlichen Violinmeisterkurs rasch den ansonsten allzu dissonant belfernden Hungerdämon austreiben darf, aber nicht überteiben (nur 180 Kalorien), man will ja die Teilnahme bei der Miss Sokcho-Wahl nicht gefährden.
Nach Abstreifen des gestreiften Leibchens kommt ein kurzer, kompakt anmutender, eher scharfkantiger Schokoquader zum Vorschein, der mit mittelfeinen Schokowellen überzogen ist und in seinem korrespondierenden Schokoaroma unterschwellige Nußanteile enthält. Sicher ist die Zusammensetzung des Riegels wissenschaftlich auf maximal effizienze Leistungssteigerung hin optimiert.

Mundhaptik: Ein Kaugefühl wie eine asketische Studierstube. Aufgeräumt wirkt das Riegelinnere, ordentlich, spartanisch fast. Unter der oberen Schokoschicht liegt eine ganz dünne karamellartige Lamelle, der man aber das barocke, wonnevolle Fädenziehen ausgetrieben hat. Sie ist nonfluid und kompakt und wirkt wie ein schurwollener Läufer auf kaltem Parkett vor hartem Bett. Direkt unter der Lamelle sind über die Riegellänge hintereinander einzelne Erdnusshälften angeordnet, wie die wenigen, kargen Möbel derer der Zögling in seiner Klause bedarf. Diese Nüsse sollen keine Freude sondern satt machen, sie haben einen Zweck, ihre Anzahl ist bekannt, sie sind berechnet. Das harte Bett schließlich, das die Naschentsprechung einer kurzen, traumlosen und effizienten Nachtruhe ermöglichen soll, bildet den Hauptteil des Volumens: eine Schicht einer cremehellbeigen Candymasse, die zu trocken, zäh und porös ist, um noch als Creme durchzugehen und einen süffig-kauigen Schmausespaß zu vermitteln, aber dafür sicher nahrhaft, vernünftig und ausgewogen ist. Beim Kauen des ganzen denkt man unvermittelt an all die Dinge, die noch zu tun sind, all die Pflichten, die noch der Erfüllung harren, all das Ungetane, durch das man schwer und wie gebunden geht.

Geschmack: Wie ein Snickers, dem man die Seele geraubt hat oder das an karoshi gestorben ist und nun spukend das Naschregal heimsucht, ein bißchen süß, ein bißchen erdnussig, kaum schokoladig und null karamellig. Das Ding schmeckt unmißverständlich auf eine genußverweigernde Weise. Da ist nichts ausladendes, nichts übersüßes, nichts schmackofatziges. Es ist ein ferner, ein zähneknirschend zugestandener Geschmack, der gerade eben über die Notwendigkeit, sich hiermit ernähren zu müssen, hinwegrettet und ich stelle mir die enttäuschten Mandelaugen jenes kleinen Geigenmädchens vor, daß sich nach einem langen Tag auf harten Hörsalhockern auf einen Schokoriegel freut, um sich für's Fideln zu stärken und das dann nur diesen asketischen schmeckenden Laumann, diese dionysische Verneinung, diesen mageren Freudenknauser, diesen armen, blassen Nährholm in ihrer Tasche findet. Verdrießliche Effizienz ist keine Geschmacksrichtung, die ich schätze.

Fazit: Ein Riegel wie eine von einer blechernen, herrischen Stimme geleierte Durchhalteparole. Da kommt keine Freude auf.



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