Samstag, 4. Mai 2019

Riegelverkostung – Australia’s Violet Crumble

Der im Folgenden zu verkostende Riegel wurde mir von Janin aus Australien mitgebracht. Dafür Dank.


Was steht drauf:  It’s the way it shatters that matters.

Hüftgoldfaktor: 990 kJ dat Stück (236 Kalorien)

Erster Eindruck: „Der Tod ist groß. Wir sind die Seinen lachenden Munds. Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen, mitten in uns.“ Mit dieser Antithese des Weinenden inmitten der unbeschwert Lachenden hat der große Rilke das Bild des Gewährers der Endlichkeit gemalt und diese erhabenen Worte erhoben sich aus meinem Gedächtnis, als ich mir Violet Crumble vornahm. Denn auf dem tiefen, metallischen Violett, jener Farbe der Depressiven und einer, wenn wie hier zum Schwarzen sinkend, nicht menschlichen Trauer, tummeln sich alberne, rotumrandete, rundlich-gelbe Buchstaben, die wie ungebärdige Clowns den Riegelnamen herturnen. Auf der Seite dann das Motto, der Wahlspruch dieses Riegels, der sich etwas frei übersetzen läßt zu: „Von Bedeutung ist die Art, wie es zerschellt“: und wieder stehen jene vulgär-bunten Lettern im Zentrum dieser düster dräuenden Vernichtungskontemplation.
Zum Vorschein kommt aus der Verpackung ein vermittels Längen-Breitenverhältnis schlank imponierender, brauner und vogelknochenleichter Barren, dem die Reise um die halbe Welt bereits eine Mittelfraktur eingetragen hat, die sein poröses, spongiöses und hellorangenes Inneres offenbart. In verweigernder Gebärde hält sich dieser Riegel olfaktorisch sehr zurück und gibt nur offensichtliches in Geruch von Schokoladennoten preis.

Mundhaptik: Krachend offenbart sich der nächste krachende Widerspruch dieses zerschellenden Schwengels, der nach dem hartknackenden Abbiß crunchieeskes Getöse beim Zerkauen erzeugt und die angebliche Vorliebe der Depressiven für weiche Nahrung zu verhöhnen scheint. Ein eigentümlicher Mikrokosmos, ein thanatophiler Erlebnispark tut sich im Munde auf, wenn man Violet (oder Violent?) Crumble einläßt: hier können sich die Zähne mit der Zermalmung der halbweichen und im Gegensatz zum spröden Inneren wachsartig zerschmelzenden Schokorinde verlustieren, dort zerschmettern sie die wüstensandfarbenen muschelkalkartigen Kolloide seines Inneren und gleich daneben bleibt die Zunge an deren frisch aufgesprengter, hochporöser Oberfläche kleben wie bei einem positiv verlaufenden paläontologischen Feldtest, der einem durch das Gefühl beim Drüberlecken verrät, ob ein soeben dem Millennienschlaf im Steinbruch entrissenses Fossil tatsächlich der Knochen einer Urzeitechse war.

Geschmack: Wen nimmt es nun wunder, daß auch der Geschmack dieses Sonderlings von Naschwerk die merkwürdigsten Assoziationen hervorruft? Neben einer sofort präsenten aber nicht zuckerigen sondern eher düster-malzigen Süße ist da eine ganz verwirrende Wolke aus Röstaromen, die sowohl an dunkle, knackige Bauernbrotkruste, an des Bauern Holzschuhe, mit denen er zu nahe zu lange am Ofen stand aber eben auch an den Bauern erinnert, den man nach ketzerischer und aufwieglerischer Rede wider den Bischof der reinigenden bzw. eben röstenden Flamme zu überantworten sich genötigt sah. Darüber flattert ein schwaches schokoladenes Wimpelchen, das man kaum bemerkt. Im Abgang tritt alle dieses zusammen, wird breit und warm, wie ein unendlicher texanischer Westhorizont am Abend, hinter dem die Sonne schon versunken ist und über dessen feuriges, warmes Flammorange sich nun ganz allmählich allerfeinste Fäden endlichkeitverheißender violetter Nachtboten legen.

Fazit: Violet Crumble ist wahrlich ein Erlebnis, das schaudernd bewußt werden läßt, daß, wenn man zu lange in den Abgrund schmeckt, der Abgrund auch in einen selbst hineinschmeckt.


 


Samstag, 27. April 2019

Riegelverkostung – Raider Spekulatiusgewürz


Ja ja, ich weiß, dennoch: für mich wird es immer Raider bleiben.

 Was steht drauf:  Limited Edition

Hüftgoldfaktor: wird nicht preisgegeben, stattdessen erhält man die Information, daß dieses Produkt nicht zum Einzelverkauf „geeignet“ sei.

Erster Eindruck: Kafkaesk. Dieses Adjektiv, das ein unergründliches Gefühl der Bedrohung, der Unsicherheit oder des Ausgeliefertseins, etwa angesichts einer im Dunkeln liegenden Macht bezeichnet, war meine erste Assoziation mit dieser neuen Permutation der ansonsten ja ordinär bekannten Riegelware in gewohnter, an den Rändern lediglich  eingeröteten Verpackung: das Seltsame, Unergründliche, Gesprungene im scheinbar Bekannten, Genormten, Gewöhnlichen liegt uns hier vor. Uns eigentlich zustehende Auskunft (Hüftgoldfaktor) wird uns von den obwaltenden obskuren Mächten verweigert, stattdessen werden wir mit kryptischen, beamtendeutschen Erklärungen („Einzelverkaufsuneignung“) und sperrigen, schnarrenden Begriffen („Spekulatiusgewürz“) abgefertigt und haben uns abzufinden.
Auch die Ration wurde uns gekürzt. Ich erinnere mich noch daran, daß ich früher, wenn vor die Wahl der Schokoriegel gestellt, gerne zu „Raider“ griff, weil dieser nicht nur gleich zwei sondern auch noch besonders lange Stangerl enthielt. Die murkeligen Winzlinge, die ich nun aus dieser Packung entnahm und die inzwischen gar kürzer als ein Duplo sind, erinnerten mich kaum mehr an Naschfreuden der Jugendtage im goldenen Glanze lustvoll langer Lanzen karamellunterflossener Schokoladenpracht, sondern daran, daß immer Alles weniger und ärmer und schlechter wird und schwindet und scheidet und daß das Leben endlich ist. Dazu paßte fast poetisch, daß dieser gestaltgewordene Schwund, diese Momentaufnahme des Fortgenommenwerdens aus der Nähe nach Weihnachten bei den Armen riecht, die in klammen, neonkalten Nettofilialen die verbeulten Beutel mit den alten Pfeffernüsse auf schon hart gewordenen Oblaten aus dem „-30%-Korb“ (kurze Haltbarkeit) klauben müssen.

Mundhaptik: Da hier wohl nur der keksene Untergrund leicht angepasst und allenfalls minimal in seiner Knusper- und Trockenhaftigkeit verändert wurde und der Binnenaufbau dieser Naschwerkvariation ansonsten nicht vom Original zu unterscheiden ist, ist auch die Mundhaptik annähernd identisch zu der, die man von jenem kannte und erwartete. Es ist wie bei Kafka: die äußere Form ist unverändert, alles sieht wie gewohnt aus, fühlt sich wie an wie immer, …

Geschmack: … nur daß der altbekannte Geschmack sich eben wie in einer Nacht voll unruhiger Träume in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt hat. Mit einer Gefühlsmischung, wie man sie angesichts eines feist glänzenden spackschwarzen Mistkäfers, den man morgens unter der Bettdecke vorfindet, wohl empfände, reagierte ich auch auf den Geschmack von "Raider Spekulatiusgewürz": Überraschung, die unmittelbar überlagert wird von einem zweifachen Unwillen, darüber, einen so unpassenden, unerbetenen, penetrant und unignorierbar präsenten und keineswegs appetitlichen Gast (Käfer bzw. Geschmack) dort (Bett bzw. Mund) vorzufinden und darüber, nun mit der durch die schiere Begegnung sich einem aufbürdenden Verpflichtung sich belegt zu sehen, jenen Eindringling zu beseitigen (fangen und aus dem Fenster werfen bzw. weiterkauen und runterschlucken).

Fazit: »Limited Edition?« sagte Frau Samsa und sah fragend zur Bedienerin auf, trotzdem sie doch alles selbst prüfen und sogar ohne Prüfung erkennen konnte. »Das will ich meinen«, sagte die Bedienerin und stieß zum Beweis das angebissene Raider mit dem Besen noch ein großes Stück seitwärts. Frau Samsa machte eine Bewegung, als wolle sie den Besen zurückhalten, tat es aber nicht. »Nun«, sagte Herr Samsa, »jetzt können wir Gott danken.«




Freitag, 1. März 2019

Riegelverkostung – Milka Choco Brownie


Was steht drauf:  x2 Brownies

Hüftgoldfaktor: 118 Kalorien der Brownie

Erster Eindruck: Hmpf, ich hatte ja eigentlich und nach gehabtem Debakel der Fa. Milka ans lilane Herz gelegt, sich auf Tafelschokoladen zu konzentrieren. Man hörte dort aber nicht auf mich und serviert nun also Brownies in Riegelform und –verpackung, derer gar zwei auf einmal, glaubt man der roten Banderole und denen, so darf man wohl annehmen, unter Hinzuziehung von Schokolade besagten Konzerns ins Dasein geholfen wurde. Wohlan denn: auf der im milkagewohnten Lila gehaltenen Verpackung tummelt sich nicht nur die nicht minder bekannt fehlfarbene Kuh, sondern auch ein fahler, simplizistischst graphierter und - die Kuh als Referenzmaß setzend - nicht maßstabgetreuer Schmetterling, der hier nicht nur irgendwie lieb- sondern auch gedankenlos gesetzt wirkt. Was will uns der Verpackungsgestalter, der sicher unter einer albernen Tätigkeitsbeschreibung wie ‚junior assistant package marketing design artist‘ firmiert, damit sagen? Daß die abbildungshalber auf der Packung aufeinander gelegten Brownies so leicht und fluffig sind, wie ein gigantischer, halbkuhgroßer Krickelfalter?
Auch albern: der immer wieder solcherorts anzutreffende Sprachdilettantismus: die Abkürzung „Choco“ für Schokolade ist im Englischen ungebräuchlich, da „chocolate“ in der gesprochenen Sprache bereits nur zwei Silben hat. Daß auf der Packung nun von „Choco“ statt Schoko-Brownies die Rede ist, läßt auf kenntnis- und gedankenarmes anglophiles Juvenilensprachgestümper und nicht gerade auf die Durchdachtheit des Naschwerks, um das es hier geht, schließen.
Im Inneren der Packung harren schließlich zwei kleine, an der Oberfläche etwas filzig wirkende Bärrchen, die, untypisch für Brownies, einen inhomogenen Innenaufbau, mit Filzdecken unten und oben und in der Mitte ein Schokoflöz, aufweisen. Intensiver, angenehmer Schokoladengeruch wird immerhin verströmt.

Mundhaptik: Nee, irgendwie nich‘ so. Einen echten, frischen Schokobrownie als Referenzrahmen setzend imponiert dieses Dingelchen zu trocken und zugleich zu locker und porös. Es fehlt das saftige, dichte, schokoschwere, und doch fluffige, ganz leichten Widerstand leistende Gefühl beim Kauen der Masse, der man die guten Zutaten, das mit Muskelkraft Gerührt- und mit keckem Finger vom  Teig Probiertwerden, die erwartungsfrohen Blicke durch die Ofenglasscheibe und das Frohlocken beim Rappeln des alten Küchenweckers, das das Ende der Backzeit anzeigt, abschmecken kann.

Geschmack: Stattdessen schmeckt man einen sterilen Schokoeinheitsgeschmack vor ordinärer Kloppsüße, schmeckt man fühl- und seelenlosen Technokratennaschrat, den der senior directing taste optimizing officer namens Joel-Dustin an seiner ihm von grauen Nahrungsmittelkonzerneminenzen vorgesetzten Kleinsüßwarengeschmacksentwurfs- und optimierungssoftware in seiner Nische im Großraumbüro entworfen hat, jener Nische, wo er ein Photo eines phallokratischen Statussymbol-Automobils in Ludenrot, das eines Tages sich leisten zu können er die unbegründete Hoffnung hegt, sowie eine Postkarte, die ihm niemand schickte, beschriftet mit „Don’t dream your life, live your dream“ (weil ihm dieser auf Deutsch bereits prügelstrafenwürdige Spruch nicht „stylish“ und „swag“ genug war), aufgehängt hat. Die Idee, diese Nichtswürdigkeit von riegelförmiger Nichtheit in den derer unbedürftigen Markt hineinzuzumuten, wurde durch eine falsch verstandene Auswertung von Fragebögen mißgeboren, in denen von gesichtslosen Verbrauchern im Internet, von denen 65% aus Botnetzwerken stammten, Erkundigungen über von ihnen festgestellte Marktlücken eingeholt wurden.

Fazit: Ein Riegel wie ein unerwünschter Anruf eines seine Sätze mit „Ja gut, ich sag mal“ beginnenden und mit „im Endeffek‘“ beendenden Telekommitarbeiters, der einem aus schierer Wurschtigkeit einen Vertrag aufschwätzen will, der noch schlechtere Konditionen hat, als der bereits bestehende. Oder um es mit „Carpathian Forest“ zu sagen: You are nothing. You are absolutely nothing.




Sonntag, 13. Januar 2019

Riegelverkostung – Baby Ruth


Die im folgenden zu testende Riegelware wurde von Jan „Stift“ E. beim Briten erworben und mir für Begutachtungszwecke großzügig überlassen. Dafür Dank.

Was steht drauf:  Bursting with Peanuts, Rich Caramel and Chewy Nougat

Hüftgoldfaktor:  0 Kalorien dat Stück*, eine Angabe von zweifelhaftem Wahrheitsgehalt.

Erster Eindruck: Ist das nun ein Brite (dort erstanden) oder ein Ami (der Riegelname leitet sich passender- und nicht unironischerweise vom Spitznamen eines nicht gerade untergewichtigen und mit mehr als einem Kinn ausgestatteten, jedoch dennoch recht erfolgreichen US-amerikanischen Schlagballspielers der 30er-Jahre ab)? Farblich könnte die weiß-rot-blau auf silbern-spiegelndem Grund daherkommende Verpackung ja sowohl an den Union-Jack als auch das sternenbesprenkelte Banner gemahnen. Die Schrift mit dem typischen zur Namenunterstreichung sich auswachsenden Schwungbogen des letzten Buchstaben erinnert jedoch so sehr an die Aufschriften jener Jacken und sonstigen Paraphernalien US-amerikanischer Colleges, daß, zusammen mit der Tatsache, daß dieser blitzende Riegel in seiner massiven Schwere wie ein guter, aluminiumnener „Louisville Slugger“ wirkt, ich letztlich zur transatlantischen Vermutung neige. In der Tat fehlt dem Riegel auch ohne Hülle in seiner kompakten Spackbräune mit der leicht knolligen, knorrigen Oberfläche das britisch-vornehme Zurückhaltende und Feine und hat er etwas zugleich draufgängerisch-hemdsärmelig-anpackendes und behäbig-stur-schwergesäßiges, was nicht nur in etwa den Charakter des in den USA geschätzten Schlagballspiels sondern auch den des ganzen Landes nicht ganz schlecht beschreibt.

Mundhaptik: Baby Ruth kaut und ißt sich auch wie eine Allegorie auf dieses merkwürdigste aller Länder und seines ach so merkwürdigen Spiels, bei dem teils regelrecht als unsportlich zu bezeichnende und ikonisch bemützte Herren vor allem herumstehen, dabei periodisch Kautabakresiduen ausspeiend und jeweils durch Juckreiz sich bemerkbar gemacht habenden Körperpartien Erleichterung verschaffende, ausgiebiege Schabungen anwohnend und angelegentlich einen Ball entweder fangen, werfen oder einen ihnen zugeworfenen Ball entweder  mittels Schlagholzes und bei Trefferglück in den Orkus kloppen oder aber mittels eines an übergroße Comicfigurenhände erinnernden, krachledernen Riesenhandschuhs aus der Luft schnappen. Ganz selten rennen sie unvermittelt los, meist nur ein paar Meter weit, um, dabei gerne durch den Schmutz schlitternd, ein Kissen zu erreichen, an dem sie sich nach bewältigtem Spurte ausruhen können. Auch beschimpfen sie einander und zetteln Keilereien an, falls einer, der wirft, mit dem Balle einen, der schlagen soll, statt dessen Schläger trifft. Mit anderen Worten: das ganze ist sehr aufwendig, hermetisch dicht und intransparent aber auf gewisse Weise durch seine fremdartige Faszination und unerwartete Wendungen irgendwie unterhaltsam.

Geschmack: Durch eine gastroikonographische Gestaltwerdung des amerikanischen Traums vollendet Baby Ruth seine Identität als All-American-Riegel: hier schmeckt man die ganze Fülle eines seinen wehrlosen und unproduktiven Erbinhabern geraubten und nun weidlich ausgepressten Riesenreiches, den Mangel an jeglichem Mangel, worüber sich die seeadlerbeschwingte Phantasie des Alles-ist-Möglichen aufspannt: hochverdichtete Erdnüsse, in Nougat-Karamell-Candycreme, umarmt von einem dichten, dicken Schokoladenmantel erzählen in ihrem nicht eben subtilen, süßen, wohlgefälligen, breitbandigen und auf Kritik erstickende oder überhörende Weise mit sich zufriedenen, nachgerade myopisch selbstreferentiellen Geschmack von unbegrenzten Möglichkeiten, im Schutze derer sogar dicke, unsportliche Männer in eben eigens für dicke, unsportliche Männer ersonnenen Sportarten reüssieren können. Die Lüge oder – freundlicher – hartnäckige Autosuggestion, der zufolge all dies folgenlose Taten wären, daß Himmel, Erde und Luft unbegrenzten Kredit einräumten, tritt hüben dann durch das Leugnen von Klimawandel, realitätsverweigernde Benzinpreise und 20l-Motoren und hier eben durch eine Angabe von 0 Kalorien in Erscheinung. Oh say can you see?

Fazit: Uh Ess A! Uh Ess A!



*hier die Quelle der Angabe auf der Riegelrückseite:

Freitag, 21. Dezember 2018

Riegelverkostung – KitKat Rosa


Meiner kleinen Schwester gewidmet :)

Heute wird das Schwesterlein, die wieder einmal diesen Riegel stiftete, 40. Deshalb: ganz herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und auf die nächsten 40 (Jahre und Riegeltests ;))

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Was steht drauf:
Made with Ruby coco beans, Discover a new chocolate experience

Hüftgoldfaktor: 224 Kalorien dat Stück

Erster Eindruck: Nun, ein rosanes Kitkat eben. Die gleiche flache Quaderform, in der Mitte der Vorderseite das bekannte Logo auf rotem Grund, eingefaßt in ein helles Rosa und im Vordergrund ein Einzelriegel der typischen Viererbatterie im - eben - ungewohnten Rosa. Man kommt allem geschärften Bewußtsein gegenüber der dreimal vermaledeiten Gendernormativität, die natürlich auch die Rollenzuordnung unschuldiger Farben auf dem Kerbholz hat, zum Trotz nicht umhin, sich zu denken: Aha, ein Kitkat für Mädchen. So fühlt man sich auch ein wenig, wie wenn man einer dieser entgenitalisierten, stromlinienförmigen und ein unrealistisches Bild vom Frauenleib verkörpernden Barbies den rosaroten Fummel auszieht, wenn man dieses Kitkat auspackt.
Im Falle meines Exemplars, das bedauerlicherweise als Folge eines Brachialsommers geschmolzen, im Herbst dann wieder erstarrt und im Zuge dessen seiner scharfen Konturen verlustig gegangen war, löste diese Enthüllung eine erhebliche kognitive Dissonanz in mir aus, denn der wie geschmolzenes Kerzenwachs aussehende Korpus mit seinen teils über ihre Grenzen getretenen und dann zusammen gelaufenen Einzelrippen, die bei unversehrten Exemplaren immer höchst ordentlich, ja penibel wirken, erzeugt einen unterschwelligen Grusel, wie wenn man mit dem Daumen ein weiches Puppenponem nach innen drückt und aus dem heiteren Kindergesicht in einem Augenblick eine asymmetrische, verzerrte Fratze wird. Dazu paßt auch der ungute Geruch geschmolzener Plastepuppen, der von diesem DING ausgeht, wenn man die Nase ganz nahe heranrückt.

Mundhaptik: Mit etwas Entschlossenheit ließ sich aus dem verbackenen Geschmölz noch immer ein Einzelriegel herausbrechen, so daß ich nicht, wie in ein Brot in das ganze Ding hinein-, sondern gepflegt vom Stangerl abbeißen konnte. Zunächst gibt es da auch keinen Unterschied zum Original: ein kurzes, nur ganz leicht abgedumpftes Knacken und dann waffelhaftes Geknusper, abgedämpft und an den Zähnen sozusagen verfugt durch das fetthaltige Schokoladengleiten. Doch dann ist da plötzlich dieses… Saure. Ich meine das (ersteinmal noch) nicht als Geschmack sondern als Gefühl. Ein alarmierendes Gefühl, das die Amygdala aktiviert und wie eine Warnung ist. Das gehört doch da nicht hin - Sowenig wie Zitronenzuckerguß auf Schokokuchen! Falsch ist das. Doch es ist da und es grinst einen hämisch an und stört und geht nicht weg.

Geschmack: Und genau dieser Eindruck des Fremdartigen, Nichtzugehörigen bildet sich dann auch im Geschmackseindruck ab. Man erkennt schon noch, daß man hier ein Kitkat ißt, es gibt da eine gewisse Vertrautheit, doch plötzlich ist da dieses Saure und springt einen an. Man sitzt bei seinem Lieblingsitaliener, wie immer am Tisch am Fenster, draußen ist es schon dunkel und man widmet sich mit Genuß den Canneloni, die niemand so gut macht wie Beppe, man kaut versonnen vor sich hin, hebt heiter den Blick schaut angelegentlich zum Fenster hinaus und da steht, wie aus dem Nichts, ganz nah und nur durch die dünne Scheibe getrennt, eine zuckende Alptraumgestalt im rosafarbenen Latexanzug. Wo das Gesicht sein sollte, ist nur eine sich windende Masse aus mit schwärenden Wunden bedeckten, rosa Tentakeln, die wie blinde Würmer über die Scheibe kriechen, Spuren rosaner Schmiere hinterlassend, die zitternd tasten, drücken, eindringen wollen, während die geifernde Gestalt mit ihren hummerscherenartigen Händen, die man selbst durch das Glas knacken und mahlen hört, in gespenstisch abgehackten Bewegungen über die Scheibe kratzt. Man bestellt dann wohl eilig die Rechnung und läßt die Canneloni unaufgegessen.

Fazit: Ist der Riegel ernst gemeint oder war das ein Halloweenstreich der Kitkat-Macher? Ich gehe jetzt ins Bett. Und lasse das Licht an.




Sonntag, 16. Dezember 2018

Riegelverkostung - Tony's Choco Lonely


Die im Folgenden zu verkostende Riegelware brachte mir mein Mütterlein von den Azoren mit. Dafür Dank.

Was steht drauf:  melk noga

Hüftgoldfaktor:  252 Kalorien dat Stück

Erster Eindruck:  Eine wahrhaft irritierende Kombination disjunkter Merkmale präsentiert sich in diesem statt in Plaste in etwas, wie Packpapier imponierendes, eingeschlagene Riegel: auf knatsch-zitronengelbem Hintergrund mit limettengrüner Banderole werden augenirritierend in roten und weißen (!), wild-west-mäßig ungelenk und unordentlich wirken sollenden Lettern Schöpfer "Tony" und Schöpfung „Choco Lonely“ genannt. Und während Schrift und Farbkombination sommerlich-tropische Fruchtmischgetränke in ungezwungenem Ambiente suggerieren, verkantet sich in dieser Assoziation sofort die Idee der Einsamkeit, die sich aus dem Namen des Riegels erhebt. Ist hier die Einsamkeit des Süßen inmitten des grellen, Frisch-Sauren gemeint, das Sich-Alleinefühlen des stillen Andersartigen, der umgeben ist von all den lauten Gewöhnlichen, das unbequeme Memento Mori, das ein weltüberdrüssiger Zyniker den enthusiastischen Teilnehmern eines überbordenden Frühlingsfest im Vorbeigehen zuflüstert?
Unter dem Packpapier wird es dann noch rätselhafter. Dort wartet ein in bizarr geformte Fragmente zerteilter Barren, der so unheimlich wirkt, wie die durch nur von einem Lovecraft beschreibliche, ganz und gar widernatürliche, wahrhaft unirdische Geometrie beschworenen, unmöglichen Monolithenbauten jener äonenalten und doch zeitlosen Stadt auf dem Grund des Ozeans, in der der große Alte untot ruht und die sich wieder erheben wird, wenn die Sterne richtig stehen.

Mundhaptik: Und weil alles zusammenhängt, im großen Gefüge des Kosmos, weil wir alle eins sind in unserer Teilhabe an der Ursubstanz, aus der wir emergieren und in der wir uns in einem Wimpernschlag wieder verteilen werden, deren ewigem Wandel, Entstehen und Vergehen, wir wie die kleinsten Partikel, die nichtigsten Wellenwürfe dessen, was ist, ausgesetzt sind, gleicht das Innere von „Choco Lonely“ dem Inneren der Toblerone, die in ihrer ikonischen Form kultur- und länder- und zeiten- und götterübergreifend die Pyramide darstellt. Man kaut also auf nougatversetzter aber nicht –übersättigter, in der Zerkauung sähmiger werdenden Schokolade, zerknackst dabei gelegentlich in Honig kandierte Mandelminoritäten und wundert sich darüber genauso sehr und schaudernd, wie wenn man an den Wänden einer nigerianischen Kreidezeithöhle die Malereien eines Maorivolkes würde gefunden haben, das nie einen Fuß auf den schwarzen Kontinent gesetzt.

Geschmack: Gut schmeckt es, ein bißchen anders aber nicht schlechter als Toblerone: reichhaltig, vollmundig und schön durch seine Komponenten binnendifferenziert. Man weiß nur angeschmacks der gustatorischen Vertrautheit von Nougat, Milchschokolade und Honigmandeln nicht, ob man diesem Genuß trauen soll, der sich aus den bedrohlich asymmetrischen Schokoklotz-Gebilden erhebt, welche man aus einer grell-grausligen Papierpackung wickelte, die man eher als Innendeko in einem nach Marijuana, Caipirinha und Surfbrettwachs riechenden VW-Bully, dessen VW-Emblem durch ein Peace-Zeichen ersetzt wurde, erwarten würde, denn als Umhüllung jener düsteren, aber ungemein wohl- wenn auch nicht im mindesten zitrusfrisch schmeckenden monolithischen Reminiszenzen an jene tote Stadt, mit deren Wiederaufstieg eines finsteren Tages unser Abgesang, der Epitaph auf alles Leben und Atmen einsetzen wird.

Fazit: Es ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt. Dieser Riegel hätte Lovecraft Spaß gemacht. Und geschmeckt.




Samstag, 1. Dezember 2018

Riegelverkostung – ΓΚΟΦΡΕΤΑ ("Ngofreta")

Die im folgenden zu testende Riegelware wurde in meinem Beisein auf Kreta von Karin erworben und mir für Begutachtungszwecke großzügig überlassen. Dafür Dank.

Was steht drauf: ΣΟΚΟΛΑΤΑ ΠΑΥΛΙΔΟΥ ΥΓΕΙΑΣ; ΓΚΟΦΡΕΤΑ ME ΣΟΚΟΛΑΤΑ ΥΓΕΙΑΣ KAI KPEMA KAKAO (genau das!)

Hüftgoldfaktor: 175 Kalorien dat Stück

Erster Eindruck: Mit seinen zahlreichen, altmodisch wirkenden Abbildungen von Münzen und dem ovalen winzigen Abbild der Akropolis (?) in der Mitte, den talarschwarzen Riegelstangen zur Rechten, das ganze auf einem Hintergrund so makellos-tiefblau wie ein kretischer Spätsommerhimmel und natürlich mit seiner kryptisch-gelehrten Beschriftung erscheint dieser Hellenenriegel höchst gehoben und orthodox. Im Geiste hört man ernste und entschieden bärtige Männer mit schweren, halbgesenkten Augenlidern und kellertiefen Baßstimmen liturgische Anrufungen in einer nur von scheidendem Abendlicht und schwarzen Kerzen beleuchteten Basilika singen.
Als ich dann behutsam die Basilikatür auf und die Riegelhülle herunterschob, vermochte ich mich eines Schmunzelns nicht zu erwehren: statt von edlem Schwarz waren die zum Vorschein kommenden beiden Stangen ganz gewöhnlich schokobraun. Zusammengebacken waren sie, abgestoßen, mit kahlen Stellen abgeplatzter Schokolade und durch Partialschmelze ihrer ehemals einheitlichen Oberfläche beraubt. Ein Schelm, wer im Innen & Außen dieses Doppelbarrens den Übergang des Griechenlands der Antike zur Moderne läse.

Mundhaptik: So wenig, wie der Grieche das Rad hat er mit diesem an und für sich nicht ungewöhnlichen und in sehr ähnlicher Machart allerorten anzutreffenden Waffel-Schokoriegel ein überraschend neues Mund- und Kauerlebnis erfunden. Doch während man so im tendentiell bei diesen Dingern ja immer eher trockenen Waffelbruch herumknautscht, der wenigstens durch die dünnen und zwischen die ingesamt vier Waffellamellen eingezogenen Kakaocremeblätter etwas aufgelockert und beigeschmiert wird, versteht man plötzlich und überkommt einen ganz notwendig eine gewisse Rührung. Es ist diese Normalität, diese unprekäre Nonextremis in diesem braven, einfachen Waffelgenäsch, die sich die Griechen in ihrem gesegnet schönen aber ach so gebeutelten Land so sehr und inniglich wünschen. Diese stolzen Leute, deren ferne Vorfahren so unermeßlich viel geleistet, kriechen und buckeln jetzt schon so lange im Schatten des Euros, der das Land der Griechen floh, nachdem er die Drachme gemeuchelt, daß ihre Augen trüb sind, die Rücken rund, die Knie  wund. Und das Zerknuspern der Waffeln aus den ramponierten Stangen flüstert mir die Sehnsucht nach Normalität zu.

Geschmack: Und wenn man sich darauf einläßt, dem Flüstern folgt, tut der Horizont sich auf und wird der Blick weit. Über dem zuerst noch kleinen, hundsgewöhnlichen Geschmäcklein den diese Alltagskombination von Schoko und Waffel normalerweise bieten kann, spannt sich mit fortschreitendem Kau- und enzymatischem Aufschlußprozess allmählich ein Geschmacksbaldachin über einem auf, wo sich wie am Nachthimmel über dem Peloponnes gar viel entdecken läßt. Plötzlich ist da ein Aroma wie von Mokka, etwas Röstartiges, das die zuvor nur minderkomplex wahrnehmbare Süße aufnimmt, differenziert und kompartimentiert, so daß man Waffeliges und Schokoladiges nun getrennt aber zusammenklingend wie Bratsche und Gambe in einem Quintakkord wahrnimmt, dazu kommt eine sekundäre aber unleugbare Bitternote, die wunderbar abrundet und kontrapunktiert. Und mit dem letzten Bissen endet die Epiphanie, das Licht geht an und die Basilikapforte schließt sich wieder.

Fazit: Man muß Geduld haben, mit diesem Riegel. Und mit den Griechen. Per aspera ad astra…