Samstag, 1. Dezember 2018

Riegelverkostung – ΓΚΟΦΡΕΤΑ ("Ngofreta")

Die im folgenden zu testende Riegelware wurde in meinem Beisein auf Kreta von Karin erworben und mir für Begutachtungszwecke großzügig überlassen. Dafür Dank.

Was steht drauf: ΣΟΚΟΛΑΤΑ ΠΑΥΛΙΔΟΥ ΥΓΕΙΑΣ; ΓΚΟΦΡΕΤΑ ME ΣΟΚΟΛΑΤΑ ΥΓΕΙΑΣ KAI KPEMA KAKAO (genau das!)

Hüftgoldfaktor: 175 Kalorien dat Stück

Erster Eindruck: Mit seinen zahlreichen, altmodisch wirkenden Abbildungen von Münzen und dem ovalen winzigen Abbild der Akropolis (?) in der Mitte, den talarschwarzen Riegelstangen zur Rechten, das ganze auf einem Hintergrund so makellos-tiefblau wie ein kretischer Spätsommerhimmel und natürlich mit seiner kryptisch-gelehrten Beschriftung erscheint dieser Hellenenriegel höchst gehoben und orthodox. Im Geiste hört man ernste und entschieden bärtige Männer mit schweren, halbgesenkten Augenlidern und kellertiefen Baßstimmen liturgische Anrufungen in einer nur von scheidendem Abendlicht und schwarzen Kerzen beleuchteten Basilika singen.
Als ich dann behutsam die Basilikatür auf und die Riegelhülle herunterschob, vermochte ich mich eines Schmunzelns nicht zu erwehren: statt von edlem Schwarz waren die zum Vorschein kommenden beiden Stangen ganz gewöhnlich schokobraun. Zusammengebacken waren sie, abgestoßen, mit kahlen Stellen abgeplatzter Schokolade und durch Partialschmelze ihrer ehemals einheitlichen Oberfläche beraubt. Ein Schelm, wer im Innen & Außen dieses Doppelbarrens den Übergang des Griechenlands der Antike zur Moderne läse.

Mundhaptik: So wenig, wie der Grieche das Rad hat er mit diesem an und für sich nicht ungewöhnlichen und in sehr ähnlicher Machart allerorten anzutreffenden Waffel-Schokoriegel ein überraschend neues Mund- und Kauerlebnis erfunden. Doch während man so im tendentiell bei diesen Dingern ja immer eher trockenen Waffelbruch herumknautscht, der wenigstens durch die dünnen und zwischen die ingesamt vier Waffellamellen eingezogenen Kakaocremeblätter etwas aufgelockert und beigeschmiert wird, versteht man plötzlich und überkommt einen ganz notwendig eine gewisse Rührung. Es ist diese Normalität, diese unprekäre Nonextremis in diesem braven, einfachen Waffelgenäsch, die sich die Griechen in ihrem gesegnet schönen aber ach so gebeutelten Land so sehr und inniglich wünschen. Diese stolzen Leute, deren ferne Vorfahren so unermeßlich viel geleistet, kriechen und buckeln jetzt schon so lange im Schatten des Euros, der das Land der Griechen floh, nachdem er die Drachme gemeuchelt, daß ihre Augen trüb sind, die Rücken rund, die Knie  wund. Und das Zerknuspern der Waffeln aus den ramponierten Stangen flüstert mir die Sehnsucht nach Normalität zu.

Geschmack: Und wenn man sich darauf einläßt, dem Flüstern folgt, tut der Horizont sich auf und wird der Blick weit. Über dem zuerst noch kleinen, hundsgewöhnlichen Geschmäcklein den diese Alltagskombination von Schoko und Waffel normalerweise bieten kann, spannt sich mit fortschreitendem Kau- und enzymatischem Aufschlußprozess allmählich ein Geschmacksbaldachin über einem auf, wo sich wie am Nachthimmel über dem Peloponnes gar viel entdecken läßt. Plötzlich ist da ein Aroma wie von Mokka, etwas Röstartiges, das die zuvor nur minderkomplex wahrnehmbare Süße aufnimmt, differenziert und kompartimentiert, so daß man Waffeliges und Schokoladiges nun getrennt aber zusammenklingend wie Bratsche und Gambe in einem Quintakkord wahrnimmt, dazu kommt eine sekundäre aber unleugbare Bitternote, die wunderbar abrundet und kontrapunktiert. Und mit dem letzten Bissen endet die Epiphanie, das Licht geht an und die Basilikapforte schließt sich wieder.

Fazit: Man muß Geduld haben, mit diesem Riegel. Und mit den Griechen. Per aspera ad astra…




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