Sonntag, 16. Dezember 2018

Riegelverkostung - Tony's Choco Lonely


Die im Folgenden zu verkostende Riegelware brachte mir mein Mütterlein von den Azoren mit. Dafür Dank.

Was steht drauf:  melk noga

Hüftgoldfaktor:  252 Kalorien dat Stück

Erster Eindruck:  Eine wahrhaft irritierende Kombination disjunkter Merkmale präsentiert sich in diesem statt in Plaste in etwas, wie Packpapier imponierendes, eingeschlagene Riegel: auf knatsch-zitronengelbem Hintergrund mit limettengrüner Banderole werden augenirritierend in roten und weißen (!), wild-west-mäßig ungelenk und unordentlich wirken sollenden Lettern Schöpfer "Tony" und Schöpfung „Choco Lonely“ genannt. Und während Schrift und Farbkombination sommerlich-tropische Fruchtmischgetränke in ungezwungenem Ambiente suggerieren, verkantet sich in dieser Assoziation sofort die Idee der Einsamkeit, die sich aus dem Namen des Riegels erhebt. Ist hier die Einsamkeit des Süßen inmitten des grellen, Frisch-Sauren gemeint, das Sich-Alleinefühlen des stillen Andersartigen, der umgeben ist von all den lauten Gewöhnlichen, das unbequeme Memento Mori, das ein weltüberdrüssiger Zyniker den enthusiastischen Teilnehmern eines überbordenden Frühlingsfest im Vorbeigehen zuflüstert?
Unter dem Packpapier wird es dann noch rätselhafter. Dort wartet ein in bizarr geformte Fragmente zerteilter Barren, der so unheimlich wirkt, wie die durch nur von einem Lovecraft beschreibliche, ganz und gar widernatürliche, wahrhaft unirdische Geometrie beschworenen, unmöglichen Monolithenbauten jener äonenalten und doch zeitlosen Stadt auf dem Grund des Ozeans, in der der große Alte untot ruht und die sich wieder erheben wird, wenn die Sterne richtig stehen.

Mundhaptik: Und weil alles zusammenhängt, im großen Gefüge des Kosmos, weil wir alle eins sind in unserer Teilhabe an der Ursubstanz, aus der wir emergieren und in der wir uns in einem Wimpernschlag wieder verteilen werden, deren ewigem Wandel, Entstehen und Vergehen, wir wie die kleinsten Partikel, die nichtigsten Wellenwürfe dessen, was ist, ausgesetzt sind, gleicht das Innere von „Choco Lonely“ dem Inneren der Toblerone, die in ihrer ikonischen Form kultur- und länder- und zeiten- und götterübergreifend die Pyramide darstellt. Man kaut also auf nougatversetzter aber nicht –übersättigter, in der Zerkauung sähmiger werdenden Schokolade, zerknackst dabei gelegentlich in Honig kandierte Mandelminoritäten und wundert sich darüber genauso sehr und schaudernd, wie wenn man an den Wänden einer nigerianischen Kreidezeithöhle die Malereien eines Maorivolkes würde gefunden haben, das nie einen Fuß auf den schwarzen Kontinent gesetzt.

Geschmack: Gut schmeckt es, ein bißchen anders aber nicht schlechter als Toblerone: reichhaltig, vollmundig und schön durch seine Komponenten binnendifferenziert. Man weiß nur angeschmacks der gustatorischen Vertrautheit von Nougat, Milchschokolade und Honigmandeln nicht, ob man diesem Genuß trauen soll, der sich aus den bedrohlich asymmetrischen Schokoklotz-Gebilden erhebt, welche man aus einer grell-grausligen Papierpackung wickelte, die man eher als Innendeko in einem nach Marijuana, Caipirinha und Surfbrettwachs riechenden VW-Bully, dessen VW-Emblem durch ein Peace-Zeichen ersetzt wurde, erwarten würde, denn als Umhüllung jener düsteren, aber ungemein wohl- wenn auch nicht im mindesten zitrusfrisch schmeckenden monolithischen Reminiszenzen an jene tote Stadt, mit deren Wiederaufstieg eines finsteren Tages unser Abgesang, der Epitaph auf alles Leben und Atmen einsetzen wird.

Fazit: Es ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt. Dieser Riegel hätte Lovecraft Spaß gemacht. Und geschmeckt.




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