Die im Folgenden zu verkostende Riegelware brachte mir mein
Mütterlein von den Azoren mit. Dafür Dank.
Was steht drauf: melk noga
Hüftgoldfaktor: 252 Kalorien dat Stück
Erster Eindruck: Eine wahrhaft irritierende Kombination
disjunkter Merkmale präsentiert sich in diesem statt in Plaste in etwas, wie
Packpapier imponierendes, eingeschlagene Riegel: auf knatsch-zitronengelbem
Hintergrund mit limettengrüner Banderole werden augenirritierend in roten und
weißen (!), wild-west-mäßig ungelenk und unordentlich wirken sollenden Lettern Schöpfer "Tony"
und Schöpfung „Choco Lonely“ genannt. Und während Schrift und Farbkombination
sommerlich-tropische Fruchtmischgetränke in ungezwungenem Ambiente suggerieren,
verkantet sich in dieser Assoziation sofort die Idee der Einsamkeit, die sich
aus dem Namen des Riegels erhebt. Ist hier die Einsamkeit des Süßen inmitten
des grellen, Frisch-Sauren gemeint, das Sich-Alleinefühlen des stillen
Andersartigen, der umgeben ist von all den lauten Gewöhnlichen, das unbequeme
Memento Mori, das ein weltüberdrüssiger Zyniker den enthusiastischen
Teilnehmern eines überbordenden Frühlingsfest im Vorbeigehen zuflüstert?
Unter dem Packpapier wird es dann noch rätselhafter. Dort
wartet ein in bizarr geformte Fragmente zerteilter Barren, der so unheimlich
wirkt, wie die durch nur von einem Lovecraft beschreibliche, ganz und gar
widernatürliche, wahrhaft unirdische Geometrie beschworenen, unmöglichen Monolithenbauten
jener äonenalten und doch zeitlosen Stadt auf dem Grund des Ozeans, in der der
große Alte untot ruht und die sich wieder erheben wird, wenn die Sterne richtig
stehen.
Mundhaptik: Und
weil alles zusammenhängt, im großen Gefüge des Kosmos, weil wir alle eins sind
in unserer Teilhabe an der Ursubstanz, aus der wir emergieren und in der wir
uns in einem Wimpernschlag wieder verteilen werden, deren ewigem Wandel,
Entstehen und Vergehen, wir wie die kleinsten Partikel, die nichtigsten
Wellenwürfe dessen, was ist, ausgesetzt sind, gleicht das Innere von „Choco
Lonely“ dem Inneren der Toblerone, die in ihrer ikonischen Form kultur- und
länder- und zeiten- und götterübergreifend die Pyramide darstellt. Man kaut
also auf nougatversetzter aber nicht –übersättigter, in der Zerkauung sähmiger
werdenden Schokolade, zerknackst dabei gelegentlich in Honig kandierte
Mandelminoritäten und wundert sich darüber genauso sehr und schaudernd, wie
wenn man an den Wänden einer nigerianischen Kreidezeithöhle die Malereien eines
Maorivolkes würde gefunden haben, das nie einen Fuß auf den schwarzen Kontinent
gesetzt.
Geschmack: Gut
schmeckt es, ein bißchen anders aber nicht schlechter als Toblerone: reichhaltig, vollmundig und schön durch seine Komponenten binnendifferenziert.
Man weiß nur angeschmacks der gustatorischen Vertrautheit von Nougat,
Milchschokolade und Honigmandeln nicht, ob man diesem Genuß trauen soll, der sich aus
den bedrohlich asymmetrischen Schokoklotz-Gebilden erhebt, welche man aus einer
grell-grausligen Papierpackung wickelte, die man eher als Innendeko in einem
nach Marijuana, Caipirinha und Surfbrettwachs riechenden VW-Bully, dessen VW-Emblem
durch ein Peace-Zeichen ersetzt wurde, erwarten würde, denn als Umhüllung
jener düsteren, aber ungemein wohl- wenn auch nicht im mindesten zitrusfrisch
schmeckenden monolithischen Reminiszenzen an jene tote Stadt, mit deren Wiederaufstieg
eines finsteren Tages unser Abgesang, der Epitaph auf alles Leben und Atmen einsetzen
wird.
Fazit: Es ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt. Dieser Riegel hätte Lovecraft Spaß gemacht. Und geschmeckt.
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