Freitag, 15. September 2017

Riegelverkostung - [unbekannt 1]

Dieser Kamerad unleserlichen Namens wurde in Südkorea verhaftet und reiste mit mir zurück ins Land der Langnasen, wo er seinem gerechten Verzehr zugeführt wurde.

Was steht drauf: "Almond & Peanut" und allerhand koreanisches Kauderwelsch. Mit Ausrufezeichen!!

Hüftgoldfaktor: 249 Kalolien dat Stück

Erster Eindruck: Der unsterbliche Elolras, vermutlich ein mandeläugig-enigmatischer Elf der das Versteckspiel liebt, sendet uns diesen Riegel aus Fernost. Dieser Eindruck drängt sich ja förmlich auf, wenn man den im rotblauen Habit daherkommenden Naschbarren einmal um 180° propellert und sich der vermeintlich koreanische Schriftzug, weiß auf blauem Grund, in "Elolras" gefolgt vom ägyptischen Henkelkreuz, dem Symbol für Unsterblichkeit, verwandelt. Aus dem comichaft dargestellten Riegelquerschnitt schießt einem schon ein vorwitziges Mandeltorpedo entgegen, dessen Form an eines jener Einmann-Unterseeboote erinnert, die in der Einsamkeit der tiefblauen Abgründe der Ozeane, weit entfernt vom Mutterschiff, schweben und nach etwas versunkenem suchen. Es ist, als greife der Riegel nach einem, das Verzehrtwerden, Einswerden mit dem Verzehrer herbeiwünschend. Vielleicht ist es genau das, was Elolras, der uns auf dem Riegel eine geheime Botschaft sandte, ersehnt, weil sein Geist darin gefangen ist und man ihn mit der Aufzehrung dieses seines Gefängnisses endlich vom Fluche der Unsterblichkeit freisetzen kann. Man weiß es nicht, aber naheliegend ist es sicher.
Unter der Schutzhülle kommt ein von der Reise nicht ganz unversehrter aber doch einfacher und unspektakulärer Korpus zum Vorschein, der auf einer leichten Schokothermik bereits olfaktorische Handreichungen seines erdnussigen Inhalts preisgibt.

Mundhaptik: Es knacket die Mandel beim forschen Anbiß. Knack knack, knack knack... ich schweife ab, doch es knackt wirklich und dann wird es es auch gleich auf eine Weise zäh-kauig im Mund, die auf der einen Seite hart am kautschukartigen auf der anderen Seite haarscharf am Steppentrockenen vorbeischrammt und gerade eben noch angenehm bleibt. Es ist nicht auf- oder anregend, nicht gaumenschmeichelnd noch zungekosend, das Mundgefühl ist brav, pflichtbewußt, funktional, dem Zwecke untergeordnet. So stelle ich mir das Lembas-Brot der Elfen oder die mundhaptische Entsprechung des edlen achtfachen Pfades des Siddharta Gautama vor.

Geschmack: Eckstein, Eckstein, alles muß versteckt sein. Es ist dieser Barren doch wahrlich ein enigmatischer Schmausekumpan, so rätselhaft und fremd wie jenes ferne Land der Kirschblüten und der Morgenstille, aus dem er kommt und der schmeckt, als hätte sich ein Nuts in einem Snickers versteckt, in dem sich Mandeln versteckt haben. Letztere so gut, daß man sie nur an ihrem Knacken erahnen, nicht mehr aber an ihrem Geschmack auszumachen vermag, so wie man das Kind, das sich hinter dem Vorhang versteckt hat, nicht an den drunter hervorlugenden Schuhspitzen erkennen kann. Der Geschmackssinn wird so in ein Labyrinth geschickt, einen Irrgarten mit unzähligen Abzweigungen, Umwegen und falschen Fährten, in dem man immer, wenn man einen Ausweg erraten oder endlich das Versteck von Elolras gefunden zu haben meint und dem Pfade eilfertig folgt, wieder nur an eine Stelle gelangt, an der man schon war und begreift, daß man im Kreis gelaufen ist und schließlich zu verstehen beginnt, daß immer schon der Weg das Ziel und ein Ankommen nie vorgesehen war.

Fazit: Ein Riegel wie ein dharmisches Rätsel an dem Buddha sicher seine Freude gehabt hätte


Elolras, der Unsterbliche

Freitag, 31. März 2017

Riegelverkostung – Marvellous Creations „Rocky Mallow Road“



Was steht drauf: NEW Cadbury Dairy Milk

Hüftgoldfaktor: 240 Kalorien dat Stück.

Erster Eindruck: Die Nachtclowns haben den Krieg erklärt und ab sofort wird zurückgenossen. Anders läßt sich die Darstellungen auf der metallic-violett grundierten Umhüllung dieses Riegels wohl nur schwerlich deuten, denn unten im rechten Eck steht vor bestirntem Nachthimmel die albern aussehende und ganz aus Schokolade gemachte Zirkuskanone und kartätscht eine Garbe erdbeerroter Quader, rosafarbener Zylinder und keksbeiger Brocken auf einer das „Marvellous Creations“-Logo überspannende Parabelbahn ins Unbestimmte. Den dunklen Clown, der sie abfeuerte, wird man sich ja wohl noch selber dazu denken können. Ja ja, man weiß es ja, Marvellous Creations Riegel sind verrückt und machen keinen Hehl daraus, weshalb zu hoffen steht, daß jene Kriegserklärung nicht dem guten Geschmack galt.
Unter der Hülle finden sich die bekannten individuell und jeweils anders geformten und oberflächenstrukturierten Verzehreinheiten, die diesen Riegulanten (ein Hybridwort aus Riegel und Querulant) jedem Anankastiker einige schwere Momente bescheren lassen und zugleich sicherstellen wird, daß der avisierte Riegelcharakter als ausdrücklich unkonventionelles unangepaßtes Naschgut auch noch von borniertesten, holzhammervermittlungsbedürftigsten Verzehraspiranten erkannt wird.
Endgültig vervollständigt wird der Gesamteindruck des strategischen Nonkonformnaschmus’ durch den Geruch des braunen Barrens, der neben der üblichen breiten und tragenden Schokotonika – ich bin versucht, zu sagen: beängstigenderweise auch Erdbeerjoghurt-Obertöne enthält.

Mundhaptik: Würde man einem abendfeinen Gentleman im Smoking mit edlem Kummerbund und glänzenden Lackschuhen eine riesige Goldkette mit der strassbesetzten Buchstabenfolge YOLO umhängen und ihn mit einem roten Irokesen frisieren? Würde man mitten in der Mondscheinsonate kurz den Flohwalzer spielen? Würde man in einem vollendet-harmonischen japanischen Garten mit Pagode und Pergola ein neonfarbenes Aufblasungetüm aufstellen, in dem fettiger Nachwuchs schreiend zu planschen kommt? Nein. Das würde man nicht. Warum also in einen Riegel aus an sich feiner Grundschokolade zähe rote Erdebeerbatzen, schwammige rosane Minimarshmellows und mehlig-trockene Bisquitfragmente hineindilettieren? Weil man anders sein will, ja, ja, ist verstanden worden. Kann man ja ruhig so machen, aber dann isses (und ißt es sich) halt Kacke.

Geschmack: Jetzt wünscht man sich fast, es wäre anders. Denn dieser schräge Fürst von einem Riegel schmeckt genau so, wie man erwarten würde, daß eine Mischung aus Schokolade, Erdbeerkonfekt, Marshmallows und keksoidem Gebrösel schmeckt: so mittel. Krachsüß und gar nicht mal so stimmig, wenn nicht sogar eine Idee verstörend. Und während man sich so kopfschüttelnd durch diese krude Melange mampft, sieht man vor seinem geistigen Auge förmlich die maliziösen Nachtclowns neben ihrer Kanone bei der Vorbereitung dieses naschklearen Erstschlag auf Geschmack, Sinn, Verstand und Ratio und auf die Frage ihres düster-lustigen Anführers Che Gue-HAHA „Wat muß denn wech?!“ beginnen sie, das Geschütz mit all jenem Zeug zu stopfen, das noch seit letztem Fasching ’rumliegt und das selbst sie nicht mögen.

Fazit: Ein Schokoriegel so beunruhigend und verstörend, wie die Träume nach einem viel zu schweren Essen mit reichlich Pilzen, das man mit 3 Absinth und einer halben Packung Nelkenzigaretten auf ex und  Lunge abgeschlossen hat, wonach man zu einer CD mit Infraschall, Walgesängen UND Free Jazz eingeschlafen ist.



Freitag, 24. März 2017

Riegelverkostung - Yorkie Original



Was steht drauf: no artificial colours*, flavours or preservatives; Chunky with Chocolate; Man Fuel for Man Stuff

Hüftgoldfaktor: 249 Kalorien dat Stück

Erster Eindruck: Was weiß man schon über York? Sie haben ein kolossales Münster dort, das ebenso klotzig und gravitätisch - nur weniger gelb – die „ewige Stadt“ beherrscht, wie die blutrot umrandeten Lettern des Yorkie Schriftzugs die Hülle dieses Riegels auf ihrer Grundierung im melancholischen, tiefsten Ozeanblau.
Düster, scharf und mit verweigernder Gebärde ganz wie die Zinnen, Scharten und Erker jener gotischen Kathedrale der nördlichen Reiche ragen auch die amputiert und unvollendet wirkenden Schokoladentrapezoeder von Yorkie aus einem flachen, glatten Schokoladenfundament in die Höhe. Betrachtet man die fünf gleichförmigen Höcker eine Weile lang, bis der Blick verschwimmt, so vermittelt sich unwillkürlich der Eindruck tiefster, tiefster Einsamkeit, der Einsamkeit verlassener, vergessener, moosbedeckter Grabeshügel lange schon namenloser Toter in einem uralten, wilden Tal, dessen Stille nichts und niemand mehr zu stören wagen darf.
Auch sein Geruch kündet von Sehnsucht und Vergängnis. Etwas schweres ist darin und etwas altes, das zu verharren scheint und zurückbleiben und uns vergessen wird, wenn wir gegangen sind.

Mundhaptik: Yorkie sei, so heißt es, Männer-Kraftstoff für Männersachen. Damit kann nur das Beißen und Kauen von Yorkie gemeint sein, das in etwa die mundhaptische Entsprechung der Tätigkeit jener Schwerstarbeiter sein dürfte, die seinerzeit die Meilen um Meilen eiserner Trassen legten, welche jenen Ort der Eibenbäume mit dem Herzschlag der Welt verbinden sollten. Und so wie ihr Leben, einfach und hart, verspeisen sich auch die fünf coupierten Monolithen Yorkies, die aus reiner, unverfälschter, unverzierter Schokolade bestehen, ohne Talmi und Schierschandudel. Man gehet hier durch schwere Berge, in harten Adern wie ein Erz, allein.

Geschmack:  Das gustatorische Unisono der schokoladenen Ausschließlichkeit im Geschmack dieses Riegels unterstellt uns für einen Augenblick der großen Melancholie endloser Ebenen, die sich wie ein braunes Mönchsgewand um all das ungelebte Leben legt. Und solange wir noch schmecken, schweifen unsere Blicke sehnend über jene fernen Horizonte, die wir Lebenden, so weit wir auch wandern, doch nie erreichen können...

Fazit: Yorkie zu essen entfesselt die Saudade des Nordens, das nostalgische Gefühl, etwas Geliebtes verloren zu haben, die leise aber unwiderlegliche Ahnung vom Unglück und der Gewißheit, die Sehnsucht nach dem Verlorenen niemals stillen zu können, da es wohl nicht wiederkehren wird…




Freitag, 3. März 2017

Riegelverkostung – Korovka



45 Was steht drauf: Cremiger Milchgeschmack – Baked milk taste; 2 Waffelriegel, 2 Wafer sticks in pack, Keine künstlichen Farbstoffe

Hüftgoldfaktor: 137 Kalorien pro Einzelriegel

Erster Eindruck: Da, da, wen will denn der Tovaritsch Russkie hier hinters Licht führen? Soll man sich so, wie auf der Verpackung dargestellt etwa Rußland vorstellen? Schöne blaue Himmel mit gemütlichen weißen Wattewölkchen über sanft geschwungenen, sattgrünen Hügeln, auf denen in Sichtweite eines pittoresken Dörfchens mit uriger Windmühle eine dicke, braungescheckte Kuh zufrieden lächelnd ein gewaltiges Gänseblümchen mümmelt? Darunter appetitlich angerichtete Schokoriegel nebst sonnengereiften Weizenähren auf stilisierten Wellen aus Milch? Come on!
Realistisch wäre doch wohl eher der aufgeplatzte und madendurchwühlte Kadaver eines verhungerten Milchviehs auf einem elenden, versalzenen Flecken unfruchtbarer Erde im sauren Regen unter einem schwärenden, fabrikabgasgrauen Himmel, in dessen brandigem, aufgetriebenen Wanst sich struppige Aaskrähen um die letzten Fetzen fauligen Pansens balgen, während im Hintergrund ein Journalist von einem 5-köpfigen und 8-zähnigen Bauernmob mit Hämmern und Sicheln im flackernden Schein einer in Brand geratenen Schwarzbrennerei aus seiner Datscha gejagt wird, der man sogleich den roten Hahn aufs Dach setzt, um dort einen neuen, noch größeren Thron samt Pferdekoppel für Vladimir den ersten und schrecklichen errichten zu können.
Aber vielleicht tue ich dem Riegelfreund ja auch unrecht, also mal runter mit dem Mäntlein und sogleich einen schlanken, schwach oberflächenstrukturierten Schokowaffelbarren, breit wie Stalins Schnorres, freigelegt, der interessanterweise weniger nach Schoko als ganz distinkt nach der weißen Phase in jenem schwarz-weißen Brotaufstrich aus Kindertagen duftet.

Mundhaptik: Tja, im Osten nix Neues, würde ich sagen. Speist sich exakt so, wie man es von in einen dünnen Schokojanker gewandeten Waffellamellen erwarten würde, derer vier übereinander gestapelt mittels der olfaktorisch schon antizipierten Milchcreme an- und relativ zueinander befestigt und stabilisiert sind. So knuspert und bröselt es leidlich daher und mit etwas Phantasie und nichts besserem zu tun könnte man versuchen, aus dem trockenen Geknarze und Gekrache aus dem eigenen Mund so etwas herauszuhören wie: Tovaritsch Pschemek wijellst Du Mijellchkrrremschnijette!?

Geschmack: Das Dörfchen eben war wohl doch nur ein potemkinsches, denn das bukolische Taiga-Idyll seiner Verpackung läßt sich dieser geminiden Knusperkolchose nun beim besten Willen nicht abschmecken. Zu einer vordergründigen, industriellen Grundsüße gesellt sich widerwillig und zögerlich und dabei eventuell anklingende Schoko- oder Waffelnoten feist wegspachtelnd ein überaus künstlicher Cremegeschmack, der in etwa soviel mit dem Geschmack des beliebten weißen Paarhufersafts zu tun hat, wie die Figur einer Babuschka-Puppe mit 90-60-90, wie eine Stalinorgel mit einer Silbermannorgel oder wie russisches Roulette mit einer richtig guten Idee. Das ganze schmeckt zwar nicht gerade übel, aber eben so aufregend oder überraschend, wie eine zweistündige, schwarzweiße Dokumentation aus den 70er-Jahren über das allmähliche Schalwerden lauwarmen Wassers auf Russisch mit usbekischen Untertiteln zu sehen. Ohne Russisch zu können, versteht sich. Und Uskbekisch.

Fazit: Etwas mehr Glasnost bei der Verpackung, dann klappt’s auch mit der Perestroika beim Geschmack. Sa starovje noch eins!



Freitag, 24. Februar 2017

Riegelverkostung – Moro Gold

Der im Folgenden zu verkostende Riegel wurde mir von Dina aus Australien mitgebracht. Dafür Dank.



Was steht drauf: A fistful of biscuity awesome crunch / Smooth Choc Packed with Biscuits Rolled in Chewy Caramel, All covered in Cadbury Milk Chocolate

Hüftgoldfaktor: 313 Kalorien dat Stück

Erster Eindruck: Einmal um die ganze Welt ist dieser Australier löblicherweise gereist bzw. gereist worden, um sich von mir vernaschen zu lassen. Dabei hätte er doch auch die Abkürzung durch die ganze Welt nehmen können, so sehr, wie mich die Abbildung des Riegels auf seiner blauenVerpackung an einen jener subterrestrisch rasenden Raketenwürmer erinnert. Wie ein aufgesperrter Schlund, geschürzt von einer goldgelben Karamellippe mit unregelmäßigen Bisquit-Zähnen darin scheint einen der Riegelquerschnitt förmlich anzuklaffen und zusammen mit seinem düster klingenden Namen „Moro“ daran zu gemahnen, daß, wenn man zu tief in den Riegel blickt, der Riegel auch in einen selbst zurückblickt.
Unter der Abdeckplane harrt dann der durch Grobheiten des Mitgeschlepptwerdens mannigfach gesprungene aber ansonsten glatthäutige, massiv anmutende und sich nach oben leicht verjüngende Moromonolith, dem neben dem typischen Cadbury-Schokoaroma noch eine andere, ungedeihlichere Duftnote entweicht, die etwas zugleich oxidiertes und raubtierhaftes trägt.

Mundhaptik: Die Mundhaptik läßt sich nicht anders beschreiben also so: man stelle sich vor, man ist ein prähistorisches, unterirdisch sich fortbewegendes wurmartiges Wesen, das mit Mund- und Kopfwerkzeugen sowie einer Körperform und -hülle ausgestattet ist, die es ihm gestatten, leicht und behende selbst durch festes, zähes Erdreich zu gleiten. Man stelle sich ferner vor, wie angenehm das warme, weiche Vorbeistreichen, die kosende und doch feste Umarmung jenes Grunds durch den man täglich geht, sich am Leibe anfühlen muß, wie prickelnd und belebend das gelegentliche Steinchen, das an einem entlangschubbert anmutet, wie befriedigend es ist, ins Immer-Feste vor sich einzugleiten, es dabei auflockernd und umwälzend zu verdrängen, sich Raum zu schaffen und es durchpflügend und an seinen Seiten hinter sich lassend wieder zu verdichten, wo es belebt wieder zur Ruhe kommt. Genau so ist es, Moro zu schmausen.

Geschmack: Wunderbar vollmundig, perfekt ausgewogen, zugleich karamellgolden und kontrabaßbehaglich schokoladig. Moro schmeckt, wie der Heimweg nach einem langen, staubigen Sommertag durch ein duftendes, westaustralisches Getreidefeld unter der gold-orangenen nicht mehr brennenden sondern nur noch wonnewarmen Abendsonne, wo das letzte Stück des Wegs in sanften Schwüngen abwärts geht, von wo man das unendlich vertraute hölzerne Farmhaus mit dem Schaukelstuhl davor und dem schiefen Windrad dahinter schon sehen kann, aus dessen langem Schatten sich gerade der träge, treue, alte Hofhund, der einen schon längst kommen gehört hat, erhebt, um einem wedelnd und zusammen mit dem Duft aus dem Steinofen, in dem gerade frisches Brot backt, entgegenzukommen. Moro schmeckt wie Friedensgeläut am Abend, wie eine schwielige, ehrliche, warme Hand, die einem schwer und tröstend auf die Schulter gelegt und lange nicht weggenommen wird, wie der Akkord, der auf „coming home“ in einem Country-Song gespielt werden muß, wie der bittersüße Augenblick in dem Fernweh sich endlich zu Heimweh wandelt.

Fazit: Was könnte schöner und befriedigender sein: ein Riegel reist um die halbe Welt und gibt mir, so fern von seiner Heimat, da er in seinem Vergehen mir ganz sich schenkt, das Gefühl, endlich, endlich nach Hause zu kommen.



Freitag, 13. Januar 2017

Riegelverkostung – Crunchie

Was steht drauf: „Get that Friday feeling with Crunchie; Milk chocolate with Golden Honeycombed Centre“

Hüftgoldfaktor: 187 Kalorien dat Stück.

Erster Eindruck: Wer wollte nicht schon immer das „Freitagsgefühl“ verspüren, indem er sich, wie ich es am heutigen Freitag dem 13. tue, einen Schokoriegel mit goldener Bienenwabenmitte zu Gemüte führt? Links und recht eingefaßt vom Cadbury-Lila prangt auf golden-spiegelndem Hintergrund der Name dieses leichtgewichtigen, schlanken und hohl wie ein Vogelknochen wirkenden Riegels in prallen und etwas unordentlichen roten Lettern. Ich bin wahrlich kein Paraskavedekatriaphobiker aber ein kleines bißchen beunruhigend, eine Winzigkeit unheimlich wirkt „crunchie“ schon, wie er so goldglitzernd mit bunten albernen Buchstaben beschriftet daliegt, vielleicht wie ein Clown, klein und leicht unscharf im Hintergrund eines Urlaubsphotos, den man erst viel später darauf bemerkt und der genau in die Kamera zu blicken scheint oder wie langsame und nur ein kleinwenig leiernde Zirkusmusik auf einer um einen Achtelton verstimmten Drehorgel. Der Effekt verfliegt rasch, wenn man crunchie sein Kostüm herunterzieht und einen appetitlichen Schokobarren mit leicht gewellter Oberfläche freilegt. Zuerst riecht er auch ganz harmlos nach Schokolade, nur wenn man ganz nahe herangeht und genau hinriecht, ist da noch etwas anderes, unbestimmtes, unnennbares in diesem Geruch, etwas verborgenes unter der Oberfläche, das lauert und wartet…

Mundhaptik: Knacks. So macht crunchie, wenn man ihn abbeißt oder besser –bricht, denn sein gesamtes Inneres ist komplett gefüllt von einem goldgelben überaus spröden Interieur, das auf Druck sofort abbricht und sich hernach krachend und crunchend zerbeißen läßt. Blickt man dann auf die Bruchstelle, findet man sich als Trypophobiker sicher unvermittelt in einem schokoriegelgewordenen Alptraum wieder, als Nontrypophobiker sieht man hingegen nur runde Löcher, die einem euphemistisch als Bienenwaben, die ja eigentlich hexagonal sind, angekündigt wurden. Und während man noch versucht, die heraufbeschworene Erwartung bienenwachsweicher Kaumasse mit dem trockenen Gekrache aus dem eigenen Mund in Einklang zu bringen, ist da wieder dieses kurze, beunruhigende Flackern in der Wahrnehmung, wie ein kleines, atmosphärisches Rauschen in einem Funkspruch, das wie ein fernes Ächzen klingt, wie ein einzelnes, gerade einmal Sekundenbruchteile sichtbares und nur unterbewußt wahrnehmbares Bild eines bleichen, haarlosen Gesichts mit aufgerissenem, lippenlosem Mund und starrenden toten Augen in einem fröhlichen, bunten Werbespot für Blütenhonig von glücklichen Bienen auf der Sonnenalm.

Geschmack: Überraschend ungruselig. In die sofort präsente, große Süße mengen sich nach und nach leicht künstlich wirkende Honignoten, dann etwas karamellen-röstiges und zuletzt der Schokoladengeschmack, lecker ist’s, und langsam löst sich dann die Anspannung, flaut das Unbehagen ab, schmeckt man wieder zutraulich hin, wenn man erleichtert feststellt, daß der Schatten unter dem Bett, die Silhouette im Zwielicht, das Rascheln im dunklen Keller doch nur Produkte der überreizten Einbildung waren, daß man sich getäuscht hat, daß das Leben wie gewohnt weitergehen kann, daß nun endlich – und das ist das Freitagsgefühl – das Wochenende kommen kann.

Fazit: ein Riegel wie ein langgezogenes, anschwellendes Streichertremolo eines bedrohlichen Gm(maj7)9-Akkordes, das dann einfach abbricht, ohne, daß jemand stirbt.





Donnerstag, 22. Dezember 2016

Riegelverkostung - Fry's Turkish Delight

Was steht drauf: Fry’s Turkish Delight. Turkish Delight wrapped in delicious milk chocolate. No artificial colours, same great taste.

Hüftgoldfaktor: 196 Kalorien dat Stück.

Erster Eindruck: Was für ein sonderbarer kleiner … Muck. Ein "türkischer Gaumenschmaus" wird einem hier in der Beschriftung dieses überaus übersichtlichen, aber schweren und kompakt anmutenden weniger Riegelchens als Klötzchens in Aussicht gestellt. Man möchte gleich in seine Schnabelpantoffeln schlüpfen, den Damaszener-Krummsäbel umschnallen und auf einem farblich das Metalliclila der Umverpackung nachempfindenden Teppich in das duftende, geschäftige, abenteuerliche Morgenland aus 1001 Nacht und mindestens ebensovielen verklärten Sehnsuchtsphantasien fliegen. Im Geiste schon bartzwirbelnd und mit ausladenden Gesten auf dem Nachtbasar um eine sonnenuntergangsfarbene Granatbrosche für die Angebetete feilschend, reiße ich den Umhüllungsschleier auf und lege einen mit akkuraten Quergraten verzierten tiefbrauen Quader frei, der reich nach Schokolade, Kokosbutter und einer feinen unbestimmten Note duftet, die etwas fruchtig-exotisches in sich trägt, wie die Dämpfe aus der mit Dattel- und Aprikosentabak geschwängerten Wasserpfeife des Geschichtenerzählers, die sich mit dem Aroma der frischen Zitronen und Sultana-Trauben auf dem Holzkarren des fliegenden Händlers mischen, der stehengeblieben ist, um zu lauschen. Nur wer dieser „Fry“ sein soll, erschließt sich einem nicht. Wahrscheinlich ist es der abendländische Schwiegersohn, den die immer schon rebellische Sulamid beschämenderweise geheiratet hat und der nun, da der Effendi endlich im verdienten Ruhestand ist, Alis Gaumenschmaus-Fabrik übernommen und umbenannt hat.

Mundhaptik: Hamdullilah, was für eine Abscheulichkeit! Möge der Sheitan Dich, Fry, in seine Gehenna holen und Dir im tiefsten, heißesten und furchtbarsten seiner Keller, in alle Ewigkeit das Fleisch von den Füßen peitschen! Da schließt man genüßlich die Augen, Maqam-Skalen auf Schalmeien und Darabukka-Rhythmen im Ohr, fühlt sich schon vorfreudig in samtweichen türkischen Honig, baclavaeskes Naschwerk, ja orientalische Herrlichkeit hineinschmausen und … beißt stattdessen in einen garstigen, sulzigen Klotz gelatinöser und auch noch hellilafarbener ganz und gar widerwärtiger Schwabbelschlotze! Die eigentlich appetitanregende Schokoschicht ist in Wahrheit eine miese Verräterin und verhält sich zu dem ungedeihlichen von ihr Umhüllten so, wie das hübsche hölzerne Hottehü zu den drin heimtückisch harrenden Helenen. Das ist der härteste Antiklimax, der mir riegelhalber je zugemutet wurde und es kann sich dabei nur um die Rache des Muselmanns an allen Ungläubigen und Apostaten handeln, die brüskeste Vertreibung (seit es Vertreibungen gibt) aus dem nicht einmal betretenen Paradies, das mundhaptische Äquivalent eines Selbstmordattentates in einem 1€-Gebrauchtsüßwarenladen, die Hadsch in die Hölle, ja um nicht weniger als Allahs fettglänzenden erigierten Mittelfinger.

Geschmack: Es wird noch schlimmer: die feine fruchtige Exotik im Duft war nur eine heimtückische Falle! Ein Lockmittel, um mich zu verleiten, in dieses wabbelnde Elend zu beißen, um dann einen Angriff mit chemischen Kampfmitteln auf meine Geschmacksknospen zu führen. Fort sind Trauben, Marillen und Datteln in milder Abendluft, das hier schmeckt wie ein Block Industriezuckergallerte, in den jemandem eine Flasche billigen Putzmittels mit schlecht imitiertem Orangenaroma gefallen ist, wie zerkaute Apfelsinenschalenstücke, die ein rachsüchtiger Mudschaheddin mit spektakulär unzureichenden Mundpflegegewohnheiten in einen Klumpen Aspik gespieen hat, wie der feist-geleeartige Abdeckerhof, zu dem aus der Weltorgangengemeinde ausgestoßene, völlig verkommene, gebrochene, besudelte, verunglückte und verdorbene Exemplare zum Verrecken geschickt werden!

Fazit: Das ist Dschihad in meinem Mund! Oh ich unglücklichseligster unter den Sterblichen, hat man schon je so ein Elend gesehen?