Sonntag, 30. Juni 2019

Riegelverkostung - Ris


Die im folgenden zu testende Riegelware wurde von Jan „Stift“ E. beim Isländer erworben und mir für Begutachtungszwecke großzügig überlassen. Dafür Dank.


Was steht drauf:  MED Saltkaramellubragdi

Hüftgoldfaktor: 285 Kalorien dat Stück

Erster Eindruck: Schon wieder so ein flacher Isländer, der mich nicht nur vermittels seiner flachen Form und harten Griffhaptik sondern auch durch die im weißen linken Eck der Verpackung buckelnde Freyja-Katze, die das, glaubt man der Aufschrift, schon seit 1918 zu tun geruht, an den bereits verspeisten Draumur erinnert. Auch hier scheint die Verpackung wieder von ausgerechnet demjenigen Designpraktikanten entworfen worden zu sein, dessen kognitive Bedingungen für seinen Inklusionsstatus im Betrieb ihn auf die Anwendung der Windows-Paint-Version aus dem Jahr 1983 beschränken. So kommt dann nämlich die zweifarbige weiß-ocker geblockte Verpackung mit den unregelmäßig darauf verteilten rotumrandeten gelben Kreisen zustande, die an einen Schauer aus entzündeten Pickeln erinnern, so daß man  diese Scheußlichkeit von Verpackung nur aus sozial-empathischen denn aus ehrlich-ästhetischen Gründen nicht als potthäßlich bezeichnen würde.
Einigermaßen enigmatisch ist der Name dieses Flachmanns, denn er ist eben nicht das isländische Wort für „Reis“ (das bekanntlich „hrísgrjón“ lautet), was vielleicht anhand der in der rechten Ecke der Verpackung platzierten Riegelquerschnittsdarstellung hätte vermutet werden können. Stattdessen bedeutet er soviel wie „Hebet hinfort!“, was ursprünglich ein ritueller Befehl des Jarls an jene Kämpfer eines Stammes war, die jedes Jahr zur Mittsommernacht gemäß isländischer Sitte mißlungene Neugeborene der Natur aussetzten, was jedoch nach einem Bedeutungswandel durch die Jahrhunderte heute in geselligen Runden im Zuge einer Art Initiationsritus gerufen wird, um den Jüngsten am Tisch zum Austrinken eines metgefüllten Humpens in einem Zuge aufzufordern. „Ris! Ris! Ris! Ris!“ Was? Natürlich habe ich mir das ausgedacht!
Auch ausgepackt deutet der Anblick des Produkts auf Kreativitätsmangel des Designazubis hin, denn auch dessen flachhangarförmige, in 8 mit eingravierten Freyja-Katzen verzierten Verzehreinheiten unterteilte Gestalt erinnert auffällig an Draumur, nur im Geruch fehlt das Lakritz und ist dafür das toffee-karamellene enthalten.

Mundhaptik: Flach ist er zwar, der Riegel, dafür aber massiv und schokodicht, was ein beherztes Zubeißen erfordert, um eine der Verzehreinheiten abzukneifen, die dann sogleich wertige und cremige Schokolade fühlbar macht. Bei den folgenden Kaubewegungen wird durch ein charakteristisches Knisperknarzen das im Riegel aufbewahrte und sich als kleine, dunkeltoffefarbene, hartleibige Kügelchen darstellende Karamell offenbar, das, wenn erst aus seiner globulären Verweilform entbissen, sich recht harmonisch in den gesamtmundhaptischen Eindruck eingliedert.

Geschmack:  Oft bleiben ja die häufig in Riegelnaschwerk verbauten Karamellkomponenten geschmacklich im Hintergrund, wo sie verbreiternd, auskleidend, begleitend und hervorhebend dienstbeflissen für die eigentlich Hauptdarstellerbestandteile wirken, so wie die Nicht-Solo-Instrumente in einem Konzert. Hier jedoch springt einen, die Schokolade nur als kurzes Trittbrett nutzend, ein intensiver und ungestümer Karamall-Hautgout sofort an. Wie große Teile der isländischen Landschaft und wie die Bärte der alten Isländer Wikinger ist dieses Karamellaroma ungezähmt, wild und unzivilisiert, das sich als Störenfried und in die Brust geworfener brünftiger Platzhirsch gebärdet, der provozierend langsam über die sanfte Schokolichtung stolziert, sich von allen Seiten anschmecken und –schmachten und vor Selbstbewußtsein strotzend uns alle seine penetrante, 13-endige Seltsamkeit aushalten läßt.

Fazit: Drengur, Drengur!, wie der Isländer sagen würde. So wie die Sitte, schwächliche Neugeborene der Natur auszusetzen, von der der Isländer nur zähneknirschend zu lassen zu bewegen war, ist Ris zu seltsam für uns Fest- und Warmlandbewohner. 



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