Freitag, 8. November 2019

Riegelverkostung – Anita



Die im folgenden zu testende Riegelware wurde von Jan „Stift“ E. und Bunnyca G. beim Tschechen erworben und mir für Begutachtungszwecke großzügig überlassen. Dafür Dank. 

Was steht drauf:  Čoko; Sedita; s čokoládovou náplňou

Hüftgoldfaktor: 221 Kalorien dat Stück

Erster Eindruck: Ich fand ihn irgendwo, s’war nicht in Mexico: „Aniiiiitaa!“, braun ist der Bar, dazu’n Kaffe na klar „Aniiiiitaaa!“ – ich entschuldige mich natürlich in aller Form für diese popunkulturelle Referenz, doch mein armes Hirn wußte sich offenbar nicht anders zu helfen, als angesichts eines weiteren Tschechenriegels auch noch im antizipierten und inzwischen wundrezensierten Waffelriegelformat mit dieser Übersprungshandlung zu reagieren, während sich Flucht und Widerwille gegenseitig blockierten. Daß sich das rechts oben aufgedruckte „Sedita“ (tschechisch für „Glückauf und allzeit eine handbreit Pilsener im Glas“, vermute ich) auch noch plump auf „Anita“ reimt, half ebenfalls nicht, einer Schlagerassoziation vorzubeugen. Wenigstens die Hülle ist ansprechend gestaltet, halb silbrig, halb metallicbraun, mitten darauf groß „Anita!“ in hübscher roter Schreibschrift und als Serviervorschlag seitlich zum sicherlich etwas optimistisch, wenn nicht roßtäuscherisch dargestellten, hochglänzenden, wohldefinierten Riegel ist dort eine feine Tasse Kaffee abgebildet, wie sie auch gerade jetzt hier neben meinem Schreibgerät dampft.
Unter diesem Sonntagsnachmittagsausgehmäntelchen von einer Riegelhülle wartet denn, so wenig überraschend wie jeder einzelne Schlagersong auf der Welt, auch schon ein etwas ramponierter, sehr breiter, dafür flacher und schokoumhüllter Waffelriegelkeil, den die Reisen, die er schon zu erdulden hatte, mittig haben durchbrechen lassen. So geschrubbt und Feder gelassen habend er auch aussieht, riecht er doch immer noch recht appetitlich, entdeckt man doch Röstnoten und tiefes Schokoladiges in seinem Dunstkreis.

Mundhaptik: Es ist halt immer dasselbe. Waffellamellen, dazwischen irgendsoeine schokolierte Süßpaste, drumherum eine Schokohülle. Bla bla. Habe ich gefühlt schon tausendmal geschrieben. Was dem Schlager seine klebrigen, oberflächlich geschilderten, holprigen und mit peinlichen Plattreimen gespickten Verliebenslieder sind

Ich war neulich ganz allein und einsam beim Karate,
da sah ich plötzlich sie, es traf mich wie ein Schlag: Renate.
Ich sah sie an, sie sah mich an und dann, dann sah ich Sterne,
seitdem sind wir ein Paar, das ist so wunderbar, ich hab Renate gerne

oder seine dümmlichen, verzuckerten und das abgrundtiefe Elend dieser kaputten Welt einfach mit einer Schicht aus Verweigerung und Selbstbetrug überkleisternden und gerade deswegen eigentlich todtraurigen „Hey hey, ist das Leben nicht supi-dupi“-Lieder:

Wir machten Liebe in Kalkutta und liebten uns im Tschad,
dort waren alle lustig, gesund und froh und satt,
wir feierten in Rußland und Venezuela,
dort waren alle frei und reich und jeder rief „Hurra!“

das ist dem Schokowaffelriegel sein stets etwas trockenes Knusperreiben, Bröseln und Krümeln im Mund, in das sich mal früher mal später die jeweilige Schokoladenkomponente eindrängt, um für ein bißchen Gleitfähigkeit zu sorgen. Mehr ist es nicht, ist es nie. So auch hier.

Geschmack: Ich wiederhole mich, aber das tun diese verfluchten Schokowaffelriegel ja auch: die oben geschilderte Zusammensetzung läßt einfach nur eine begrenzte Zahl geschmacklicher Varia- und Permutationen zu und die Dinger schmecken, seien wir ehrlich, alle doch ziemlich ähnlich. Also genau wie beim hier Inspiration gebenden Schlager: Abwechslung, Herausforderung, Infragestellung, Neues, Wildes, Unkomfortables wird nicht nur nicht gewünscht, es wird nicht toleriert und gemieden wie flächendeckendes Internet von Deutschland. Alles muß immer der gleiche vorhersehbare, stumpfsinnige, ecken-, kanten-, hirn-, eier- und seelenlose, glattpolierte, massenkompatible, zuckersüße 4/4-getaktete und bei 1 und 3 klatschbare Einheitsbrei sein mit erbärmlichstmöglich paargereimten, leicht eindrillbaren und wie Pech in den Hirnwindungen haftenden Texten.

Ich esse Anita, das schmeckt mir wunderbar
Aniiiitaaaa!
Ich beiße in ihn rein, das muß der Himmel sein!
Aniiitaaaa!
Dann kau ich darauf rum und singe „Dumdidum!“
Aniiiitaaa!
Die Schoki schmeckt mir gut, wie’s Schoki eben tut!
Aniiiitaaa!
Die Waffel knuspert fein, Glück kann so einfach sein!
Aniiitaaa!

Und so weiter, Sie wissen schon. Das ist so unendlich konventionell, daß es einem schon nach wenigen Sekunden so bekannt vorkommt, als kennte man es schon immer. Und genau das wollen sie!


Fazit: Ein Schokowaffelriegel namens Anita. Wenn Kotze Cordalis noch leben würde (falls er nicht als Untoter irgendwo raumkraucht) würden die liftungshalber nicht mehr schließbaren Schweinsäuglein in seinem Arschgesicht sicher heller leuchten als die Sterne über der Akropolis. 





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